Affettuoso

 

Das Buch:

 

Südkalifornien, USA, Mitte der 1990er Jahre

Zwei Häftlinge, der eine Bankräuber mit Herz, der andere Mörder mit Epilepsie, stolpern unverhofft in die Freiheit zurück.

Auf ihrer Flucht vor der Obrigkeit nach Mexiko begegnen sie schrägen Typen, einer resoluten Ex-Ehefrau und deren Verlobten sowie dem schier unlösbaren Problem, ins normale Leben zurückzufinden.

Nach diversen Gelegenheitsjobs, mit denen sie versuchen, sich über Wasser zu halten, beginnt eine Odyssee von der West- zur Ostküste Amerikas bis nach Europa.

 

 

Leseprobe:

 

Schauerliche Geräusche drangen durch die Trennplatten und jagten mir eine Gänsehaut über die Arme, aber es waren Laute von alten Kerlen, die wollte ich mir nicht auch noch antun müssen, ich war ohnehin einer Ohnmacht nahe und bezweifelte, dass ich es bis zu Joshua schaffen würde, in meinem ganzen Leben hatte ich noch nie gegen eine so übermächtige Angst gekämpft.

Es war totenstill in der Ecke, aus der violettes Licht strahlte, aber ich bewegte mich wie von unsichtbaren Kräften geschoben darauf zu, ich wäre am liebsten schreiend wieder rausgerannt.

Er saß gekrümmt an einem Tisch, der eigentlich kein Tisch war, die Platte fehlte, dafür umkrampften seine Hände die nach oben ragenden Stützen, die Handgelenke hatte man mit transparenten Plastikbändern daran gefesselt. Den Kopf hielt er gesenkt, er rang keuchend nach Luft, Atmen war in dieser Hölle keine Selbstverständlichkeit.

Die Schwester hatte mich eingeholt, sie zerrte an mir rum und schrie mir ins Ohr; ich schüttelte sie ab wie einen nassen Pudel und trat näher.

Ich war in einem Trancezustand, das musste an der Luft liegen und dem Schock, den mir Joshuas Anblick versetzt hatte. Ich stellte mich neben ihn, meine Finger fuhren automatisch über seine zitternden Schultern und sein strähniges Haar, aus einer Kehle stieg ein grollendes Schluchzen. Schließlich hatte ich mich soweit in der Gewalt, dass ich es wagte, seinen Kopf anzuheben, sein Gesicht war verklebt von geronnenem Blut, wer weiß, wann man sich das letzte Mal um ihn gekümmert und ihn gewaschen hatte. Das grelle Licht blendete ihn, deshalb hielt er die Augen geschlossen. Ich entdeckte Einstiche an seinen Armen, ein Dutzend mindestens, ich wirbelte herum, bereit, die Schwester zu töten, doch sie hatte ärgerlicherweise bereits da Weite gesucht.

Sie wollten ihm nicht helfen, von wegen unerforschter Krankheit, sie missbrauchten ihn als Versuchskaninchen.

  • Joshua, sagte ich.

Er reagierte nicht, wahrscheinlich stand er unter Drogen, mir wurde schlecht, ich musste mich erst mal setzen.

Kurz darauf erschien die Schwester wieder, in ihrem Gefolge eine Handvoll Ärzte, die ihre Spritzen gezückt hielten, es war einfach lächerlich. Ich erhob mich langsam vom Boden, ich war zu allem bereit.

  • Hören Sie, sagte ein teiggesichtiger Kerl zu mir. Dieser Patient ist hochgradig aggressiv. Kommen Sie rüber und wir wollen uns in Ruhe darüber unterhalten.

Mir war nicht nach Kaffeekränzchen das er offensichtlich vorhatte, abzuhalten, ich kochte innerlich und stand lichterloh in Flammen.

  • Eine Schere, forderte ich.
  • Machen Sie sich nicht unglücklich, Mann!

Was sie mit ihren Spritzen konnten, konnte ich mit meiner Beretta schon lange, sobald ich mich gebückt hatte, sprang sie förmlich in meine Hand.

  • Eine Schere, aber pronto!

Ich war bewaffnet, in der Tat, ich hatte Standishs Dienstwaffe entwendet, als er bewusstlos am Boden lag, Rocky auf seinem Rücken. Ich hatte gehofft, sie nicht gebrauchen zu müssen, es war eher ein Reflex gewesen, nur so zur Sicherheit.

Ich fuchtelte also mit der Pistole rum, ich bedeutete der erbleichten Oberschwester, eine Schere herüberzuwerfen. Mit dem Fuß schob ich sie näher zu mir ran, meine Gegner mit Blicken und meiner kleinen erhobenen Freundin hypnotisierend. Nachdem ich die quietschenden Bänder zersäbelt hatte, packte ich Joshuas Schulter und lehnte ihn auf dem Stuhl zurück, er stöhnte, ich konnte sein Rückgrat knacken hören, vermutlich war er stundenlang in diese Stellung gezwungen worden.

  • Ich werde jetzt mit ihm gehen, ließ ich die erstarrten Doktoren wissen. Und wehe, einer folgt mir oder alarmiert die Bullen.
  • Sie könne ihn nicht mitnehmen, mahnte Teiggesicht. Er ist zu einem normalen Leben in der Welt nicht fähig, und ein Mörder obendrein.
  • So, sagte ich. Wer hier der Mörder ist, wir später ein Prozess klären.

Ich legte den Arm um Joshuas Taille und zog ihn hoch. Er war dünn geworden, nur noch Haut und Knochen, an einigen Stellen zeigten sich bläuliche Verfärbungen. Instinktiv stemmte er sich gegen mich im Glauben, einen dieser schändlichen Folterknechte vor sich zu haben. Ich konnte ahnen, dass sie sich vor ihm fürchteten, selbst im Dämmerzustand leistete er Widerstand. Ich steckte die Beretta in den Hosenbund und nahm ihn auf die Arme, er gab ein Wimmern von sich, das mir das Herz abschnürte.

  • Keiner bewegt sich, sagte ich drohend. Oder ich schieße. Ich bluffe nicht, Gentlemen.

Teiggesicht näherte sich mit erhobenen Händen, es war ihm nun klar, er hatte es mit einem Durchgeknallten zu tun, den es unschädlich zu machen galt.

  • Ganz ruhig, wisperte er, doch das brachte mich vollends in Rage, ich flippte aus; Joshua abzusetzen, ihn an mich zu lehnen und die Pistole zu ziehen war das Werk weniger Sekunden, ich zielte auf den Oberschenkel des Doktors und feuerte. Er wälzte sich auf dem Boden und heulte wie eine Sirene, anscheinend verschafften ihm nur die Qualen anderer den ultimativen Kick. Keiner der Kollegen rührte sich.
  • Los, sagte ich. Helft ihm. Ihr seid doch Ärzte, oder nicht?
  • Er muss in den OP, säuselte ein sträflich kurzgeschorenes Männchen, es duckte sich, als hätte ich einen durchsichtigen giftigen Faden quer durch den Raum gespannt. Ich hatte Joshua wieder aufgerafft und wollte gerade gehen.
  • Na und, bellte ich. Dann hin mit ihm! Das ist nicht mein Problem!

 

In dieser Klinik spielte sich alles ein wenig lethargisch und routiniert ab, das war meine Chance, und ich nutzte sie schamlos. Die Gänge waren nahezu menschenleer, die wenigen, die unseren Weg kreuzten, wichen aus oder täuschten Betriebsamkeit vor, ich hätte ihnen ohnehin geraten, sich nicht mit mir anzulegen.

Wir stolperten die Treppen runter, ich entwickelte eine affenartige Geschwindigkeit, Joshuas Gewicht spürte ich kaum. Aus seinem Mund floss eine weißlichgelbe Flüssigkeit.

Draußen musste alles sehr schnell gehen, ich hatte Angst, dass ich ihn da ein bisschen überforderte, aber er hing an mir wie eine Puppe. Mit der Beretta zerschmetterte ich die Scheibe eines parkenden BMW, ich sorgte dafür, dass Joshua es im Fond leidlich bequem hatte und nicht erstickte, falls er kotzen musste. Der Trick mit dem Draht klappte immer noch, als Professioneller trug ich stets ein Stück bei mir.

Ich bretterte mit zweihundert Sachen durch die Gegend, sobald wir die Stadt hinter uns hatten, jede rote Ampel war eine körperliche Pein für mich. An einer Tankstelle hielt ich an, nicht um zu tanken, ich hangelte mich nach hinten, um nach Joshua zu sehen, ich wusch sein Gesicht mit Stevens T-Shirt ab.

  • Joshua. Willst du was trinken?

Beim Klang meiner Stimme zuckte er zusammen und grub den Kopf in die Polster. Ich gab nicht auf.

  • Josh. Ich weiß, was dir fehlt. Du hast Epilepsie. Warum hast du’s mir nie gesagt?

 

 

Nach oben