Ausnahmsweise Doppelgleisig

 

Ausnahmsweise Doppelgleisig

 

Diese Geschichte über einen erfolgreichen Unfallchirurgen und seinen sichtbar gemachten Schutzengel wird in Kürze erscheinen, sobald ich sie überarbeitet habe. Sie stammt aus dem Jahr 2008 und unterscheidet sich von meinen bisher veröffentlichten Romanen in vielerlei Hinsicht.

Die Geschichte spielt in München Anfang des neuen Jahrtausends, d. h. es kommt gelegentlich auch mal bayerischer Dialekt vor, der jedoch - wie ich hoffe - auch von Lesern jenseits des Weißwurschtäquators verstanden werden kann und daher kein Glossar am Ende nötig hat.

Ich habe "Ausnahmsweise Doppelgleisig" nach dem Schreiben binden und in meiner Schublade verschwinden lassen und seitdem nicht wieder zur Hand genommen. Mit ein wenig Abstand gefällt mir die Geschichte immer noch recht gut. Obwohl es um Schutzengel geht, wird der Engel Seraphin keinesfalls als unfehlbares Himmelwesen dargestellt - im Gegenteil, er benimmt sich oft täppisch und ist mit den "weltlichen" Gepflogenheiten überfordert. Im Lauf der Geschichte tauschen er und sein "Schützling" Branko Schuster die Rollen, nachdem Branko als rational denkender Wissenschafter den mysteriösen Fremden zunächst als Irren abtut.

 

 

 

 

Das Buch

 

Die Ehe des erfolgreichen Unfallchirurgen Branko Schuster steht auf der Kippe; er und seine Frau Annika leben getrennt voneinander, da er jahrelang ein Verhältnis mit der wesentlich jüngeren Krankenschwester Carolin Cremer hatte.

Auf der Beerdigung seiner dreiundachtzigjährigen Mutter sieht er einen Mann bei Annika und der gemeinsamen Tochter Jana stehen, von dem er annimmt, es sei Annikas neuer Lebensgefährte. Doch der Fremde folgt ihm, stellt sich als Seraphin Engel vor und scheint ein wenig wunderlich zu sein. Er redet von einer Aufgabe, die mit Branko zu tun hat und lässt sich durch nichts vertreiben. Branko nimmt ihn vorläufig bei sich auf, weiht jedoch am nächsten Morgen seinen Vorgesetzten Dr. Wolf-Horvath ein, der die psychiatrische Abteilung leitet. Allerdings gibt es keinen Insassen dieses Namens, auch in der näheren Umgebung nicht. Branko nimmt den Fremden wieder mit nach Hause, der sich erstaunlich anhänglich und hilfsbereit zeigt. Er hilft Branko, seinen schwierigen Klinikalltag zu meistern und hat außergewöhnliche Fähigkeiten.

Bald erregt Brankos ständiger Begleiter allgemeine Aufmerksamkeit und stellt nicht nur dessen Leben völlig auf den Kopf…

 

 

 

Kapitel 1

 

(Auszug)

 

Nicht allzu viele Trauergäste waren zum Begräbnis seiner Mutter auf dem Südfriedhof erschienen. Um genau zu sein, nur sechs. Wenn sie das sehen könnte, wäre sie entsetzt. Aber ihre zahlreiche kroatische Verwandtschaft gab es nicht mehr. Schwestern, Eltern und Tanten, alle waren sie dort, wohin Dragana Schuster ihre letzte Reise angetreten hatte.

Branko ließ seinen Blick über die unter Regenschirmen halb verborgenen Gesichter schweifen. In einiger Entfernung standen seine Frau und Jana, die mehr pflichtschuldig als ernsthaft trauernd schluchzte; ihre Oma hatte sie kaum gekannt, hatte sie doch die letzten Jahre ihres langen Lebens in einem Pflegeheim verbracht. Trotzdem wäre er gerne zu seiner Tochter gelaufen, hätte sie in den Arm genommen und ihr etwas Tröstliches gesagt, wo der Tag ohnehin trostlos genug war. Allein er wagte es nicht, sie sah nicht einmal hin zu ihm. An ihrer Seite stand kerzengerade und ohne Schirm ein großer Mann in einem schwarzen Mantel und schien dem Salbadern des Priesters aufmerksam und ein wenig skeptisch zu lauschen. Er rührte Annika nicht an, sprach nicht einmal mit dem Kind, wie man das auf Friedhöfen gemeinhin machte, um die pietätvolle Atmosphäre ein wenig aufzulockern. Branko kannte ihn nicht, aber das war schließlich nicht sein Bier.

Ein Idiot, wer den Pfaffen ernst nimmt, dachte er verächtlich. Wenn sie schon nicht mehr in der Wohnung ihrer Eltern leben möchte, hatte er Annika einen besseren Geschmack zugetraut.

 

~~~

Tino Stiegler, der ihn freundlicherweise begleitet hatte, knuffte ihn in die Seite.

„Ist das ihr Neuer? Mei, das ging aber fix, oder? Offiziell seid ihr doch noch gar nicht geschieden.“

„Na und?“ knurrte er. „Wenn er sich mit der Jana gut verträgt...“

Der Fremde warf ihnen einen Blick zu, seine tief in den Höhlen liegenden Augen waren von einem hellen Grauton und beinahe hypnotisch. Ganz so als wüsste er, dass sich die beiden Männer über ihn unterhielten, obwohl Tino sich eines respektvollen Flüstertons bedient hatte. Der zog auch sofort das Genick ein und schlug den Kragen höher.

„Was hast denn?“ fragte Branko verdrießlich, plötzlich fröstelnd.

„Weiß nicht“, nuschelte Tino. „Kalt is mir’s auf einmal.“

Beerdigungen waren einfach zuviel für den sensiblen Blumenhändler, der nur in seinem Laden vor dem Krankenhaus so richtig aufblühte. Insofern hatte er immerhin den richtigen Beruf gewählt.

Sein einziger Freund ein Weichei. Zum x-ten Mal an diesem Tag tat sich Branko selber leid. Er hatte seine Mutter aufrichtig geliebt, sie so oft besucht, wie es seine knapp bemessene Zeit als Unfallchirurg im städtischen Krankenhaus zuließ, und nun war sie fort. Von heute auf morgen, völlig unerwartet. Sofern man in einem Alter von dreiundachtzig von unerwartet reden konnte. Aber rüstig war sie gewesen, hatte sich bis zuletzt um die Blumenrabatte in der Parkanlage gekümmert und die Rosen geschnitten. Seit er von seiner Frau getrennt lebte, war sie seine einzige Bezugsperson gewesen. Er hasste es, es sich eingestehen zu müssen, aber der Verlust des letzten Familienmitgliedes und das Wissen, niemanden zu haben, der für ihn da war, schnürte ihm die Kehle zu. Immer wieder hatte seine Mutter ihn bedrängt, zu ihr zurückzukehren, sie um Verzeihung zu bitten, doch er hatte seinen Stolz, und Annika dummerweise ebenfalls. Stur war sie wie ein Ochse.

Jetzt kam sie zu ihnen herüber und reichte ihrem Mann förmlich die Hand. „Herzliches Beileid, Branko“, sagte sie steif. „Sie war eine gute Frau, deine Mutter. Viel zu gut für dich.“

Janas Augen heften sich auf ihn. „Papa. Ist die Oma jetzt im Himmel?“

Wie erklärte man einer Achtjährigen den Tod? Hatte es Annika etwa versäumt, sie mit den Fakten vertraut zu machen? Er ging in die Hocke, um auf Augenhöhe mit ihr zu sein, und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Der Fremde hatte direkt hinter ihr Stellung bezogen. Von Brankos Perspektive aus ragte er meterhoch in den Himmel. Rasch lenkte er seine Aufmerksamkeit wieder auf das schniefende Mädchen, ehe sein Blick den des Mannes traf. Irgendetwas ging von ihm aus, das ihn irritierte.

„Ich weiß nicht, Jana. Niemand weiß das.“

„Doch.“ Die Stimme über ihm klang voll und dennoch jugendlich, fast heiter. Ein wenig erzürnt darüber, dass ihm dieser Kerl widersprach, hob Branko den Kopf. Aus der Nähe wirkte der Fremde entwaffnend sympathisch, er zeigte ein gewinnendes Lächeln, bei dem seine Augen etwas von dem stechenden Ausdruck verloren. Die vollen Lippen und die hervorspringende Nase idealisierten ihn nicht gerade zu einem Adonis, doch seine hünenhafte Größe und diese eigenartig intensive Ausstrahlung machten gewiss einen Reiz aus, dem nicht nur seine Frau erlegen war, sondern Hunderte vor ihr. Bei genauerer Betrachtung konnte Branko sie besser verstehen. Dennoch beschloss er, auf der Hut zu sein und sie bei Gelegenheit vor ihm zu warnen. Vielleicht war er ein Heiratsschwindler oder wenigstens ein Hallodri, der es gar nicht ernst meinte mit Annika.

Altersmäßig war er wohl um die Vierzig, etwas jünger als Branko und Tinos Jahrgang, allerdings färbte sich sein dunkles Haar am Ansatz bereits grau. Die Finger der Hand, die jetzt flüchtig Janas Schulter drückten, waren schmal und bleich wie sein jungenhaftes Gesicht. Soviel zu Annikas Vorwurf, er sähe sich nach einer Jüngeren um. Was machte sie denn, wenn sie den Grünschnabel an Land zog?

„Die Oma ist bei den Engeln. Ganz bestimmt. Brauchst dir keine Sorgen machen um sie.“

Annika bedachte ihn mit einem konsternierten Blick, den Branko zu Recht als Empörung über seine – Brankos – untergrabene väterliche Autorität deutete, während Tino dem Fremden zufrieden grinsend zunickte.

„Komm, Jana“, sagte sie dann. „Gleich ist Ballettstunde.“ Damit zog sie ihre Tochter hinter sich her, die den zurückbleibenden Männern noch einmal winkte und erleichtert zu sein schien.

„Gibt’s keine Leich’?“ erkundigte sich Tino weinerlich. „Des hättst mir sagen müssen! Deswegen bin ich doch überhaupt erst mitgekommen!“

„Was willst denn? Eine Leiche gab’s doch. Oder meinst, der Priester lässt zur Gaudi einen leeren Sarg runter und schwafelt belangloses Zeug?“

„Du weißt, was ich mein’. Feier, Totenschmaus und so.“

„Ich hab’ keinen Nerv für diesen Firlefanz“, entgegnete Branko mit einem Blick auf die Uhr. „Außerdem wär’s der Mama gar nicht recht gewesen, wenn so ein Wirbel gemacht wird um sie. Aber wenn du willst, gehen wir in der Stadt noch was essen, ich lad’ dich ein. Lass uns zu Fuß gehen, ich brauch’ frische Luft.“

„Super“, freute sich Tino händereibend. „Mein Kühlschrank ist nämlich leer.“ Er sah in der Tat seit kurzem erbarmungswürdig mager und spitzig aus, der gute Stiegler. Möglicherweise kriselte es wieder mal in seiner Beziehung. Doch er hatte weder Zeit noch Lust, sich mit Tinos Problemen zu beschäftigen. 

 

„Und?“ fragte Tino nach einer Weile, in der sie schweigend nebeneinander hergeschlendert waren. „Was hältst von deiner Konkurrenz?“

„Geh!“ Geringschätzig winkte Branko ab. „Der und Konkurrenz. Nix dran ist an dem Kerl, und ein bisschen schwindsüchtig kommt er auch daher. Ich weiß gar nicht, was die Annika an dem findet. Damit beleidigt sie mich ja beinah’. Der muss eine Mordskanone sein im Bett, sonst hätt’ sie’s doch nicht so weit kommen lassen.“

„Willst’s ausprobieren, oder was? Sei nicht albern, Branko. Die Annika ist bestimmt nicht mit ihm in die Kiste gehüpft, bevor sie sein Gesicht gesehen hat. Kann halt nicht jeder so ein Athlet sein wie du. Also mir war der irgendwie unheimlich. Irgendwie – anders. So über den Dingen. Ich dacht, du hättst das auch gespürt, wie du so z’sammenzuckt bist, als er uns angeschaut hat“, sinnierte Stiegler und fuhr sich mit den Händen durch sein schulterlanges helles Haar, das nicht so recht zu seinem feierlichen Anzug passen wollte, bevor er es wieder zu einem Pferdeschwanz bändigte. Er hatte Mühe, mit seinem Freund Schritt zu halten, der vermutlich doch aufgewühlter war als er sich gab. Ein schneller Seitenblick untermauerte seine These; Brankos Kiefermuskeln mahlten wie unter großer Anspannung. Mit nicht zu überhörender Schadenfreude goss er Öl ins Feuer: „Wie der die Jana im Handumdrehen von den Engeln überzeugt hat, das war schon klasse. Und wie sie sofort drauf angesprungen ist, wo sie sonst so ängstlich ist.“

„Pah! Meine Tochter ist nicht ängstlich, und wenn sie’s wär bei dem Kerl, dann hätt’ sie auch allen Grund dazu. Solche Typen kenn’ ich. Plump war das, nix weiter. Wahrscheinlich glaubt er den Schmarrn noch selber. Das sagt mir bloß, wie weit es mit seiner Intelligenz bestellt ist, verstehst? Ich sag dir was, wenn der noch einmal die Pratzen an meine Tochter legt, dreh’ ich ihm die Gurgel um. Schlimm genug, dass er die Annika rumgekriegt hat mit seiner Naivität. “

„Ich glaub, du bist doch eifersüchtig. Weil er jünger ist als du.“

„So jung ist der auch nicht mehr“, blaffte Branko. „Wenn sie wenigstens was mit dir angefangen hätt’, das könnt’ ich ja noch akzeptieren... aber so einen Depp!“

 

Erst nach einer halben Stunde bemerkte Branko, dass ihnen der Fremde auf dem Fuß folgte. Er verlor er sie nie aus den Augen, blieb dichtauf wie ein zweiter Schatten.

Schamröte stieg ihm ins Gesicht. Wenn der Mann nicht völlig taub war, musste er die Verunglimpfungen seiner Person mitangehört haben. Lästern war nicht seine Art, zumindest nicht über Leute, mit denen er nicht unmittelbar zu tun hatte. Abrupt drehte er sich um, er wusste selbst nicht genau, was ihn dazu bewog. Der Fremde, der nicht mit Brankos Stehenbleiben gerechnet hatte, prallte hart gegen ihn. Einen Moment kämpften sie beide mit dem Gleichgewicht.

Eine Straßenbahn fuhr bimmelnd und haarscharf an ihnen vorbei; der Fahrer zeigte ihnen einen Vogel, machte dabei aber ein Gesicht, das verriet, wie heftig das Adrenalin durch seine Adern jagte. Hätte der Fremde Branko nicht reaktionsschnell festgehalten, wären sie beide unter den Rädern gelandet. Verblüfft über die Geistesgegenwart und Kraft des Mannes, dessen Finger sich in seine Oberarme bohrten und ihn mit wenig Aufwand aufs Trottoir zurückkatapultierten, schnappte Branko nach Luft, beschloss dann aber, den spontanen Dank herunterzuschlucken, der ihm auf der Zunge lag.

„Was soll das denn, hm? Spionieren Sie uns nach im Auftrag von meiner Frau? Da müssen Sie sich schon besser verstecken! Glaubt die Annika, ich hab’ jetzt was mit dem Stiegler? Das Weibsbild ist paranoider als ich dachte!“

„Pardon?“ Der Fremde stellte sich ahnungslos, was Branko noch mehr auf die Palme brachte. Ursprünglich hatte er sich entschuldigen wollen für seine harsche Kritik an jemandem, den er gar nicht kannte. „Kein Wort nehm’ ich zurück von dem, was ich über Sie gesagt hab’!“

Stumm betrachtete ihn der Andere, er ließ von ihm ab, als sei ihm seine Tat im Nachhinein peinlich. Nichtsdestotrotz tangierten ihn Brankos Beleidigungen offenbar nicht über die Maßen, er blieb höflich und fast unerträglich prosaisch.

„Das hätt’ bös enden können“, sagte er, nachdem sie sich sekundenlang fixiert hatten und Branko nachgebend zu Boden sah. „Ein bisschen Dankbarkeit tut nicht weh, oder? Oder geht das gegen deine Berufsehr’?“

Tino nickte wieder zustimmend, Branko konnte es regelrecht fühlen, wie er sich mit dem Fremden gegen ihn verbündete.

Deine?“ Branko verengte die Augen. „Kennen wir uns?“

Der Fremde lächelte entschuldigend und streckte ihm die Hand entgegen, die schließlich von Tino ergriffen wurde, da Branko keinerlei Anstalten dazu machte. „Tut mir leid. Ich hab’ mich noch gar nicht vorgestellt. Seraphin Engel.“

„Konstantin Stiegler“, sagte er. „Sie müssen entschuldigen, mein Freund kommt vom wilden Balkan, da haben sie keine Manieren, die Leut’. Er wohnt zwar schon seit Kindertagen hier, aber wie’s halt so ist, die Wurzeln brechen immer wieder durch. Ich find’s übrigens ganz okay, wenn wir uns duzen. Sind doch etwa gleich alt. Freunde nennen mich Tino.“

„Seraphin Engel“, brummte Branko. „Was ist das denn für ein Name?“

„Ein alter bayrischer“, erwiderte Seraphin vollkommen ernst. „Der Finanzminister vom König Ludwig heißt auch so, und er trägt ihn mit Stolz.“

„Der ist schon lange tot“, erinnerte ihn Branko etwas nachsichtiger, als ihm bewusst wurde, dass der Kerl denkbarerweise eine Schraube locker hatte.

„Ach?“ Seraphin zog die Brauen hoch. „Gestern schien er mir noch quicklebendig.“

„In Ordnung“, willigte Branko mühsam beherrscht ein, entschlossen, die Sache zu einem raschen Ende zu bringen. „Sag’ meiner Frau, es geht mir gut, und sie braucht kein Kindermädchen zu schicken, ich kann gut auf mich selber aufpassen.“

„Ich kenne deine Frau doch gar nicht. Nicht so gut jedenfalls. Ich bin deinetwegen hier.“

„Meinetwegen?“ Jetzt war er doch alarmiert. Er wechselte einen Blick mit Tino, aber der zuckte nur ratlos die Achseln und half ihm nicht viel weiter. Wenn er mit seinem Chef unterwegs gewesen wäre, dem überdies die psychiatrische Abteilung unterstand, hätte er sich sicherlich eleganter aus der Affäre ziehen können. Morgen musste er Theo fragen, ob dort einer vermisst wurde. Doch die Tatsache, dass Seraphin Engel anscheinend doch nicht seine Frau geködert hatte, stimmte ihn etwas versöhnlicher. Er legte in einer halb verschwörerischen Geste den Arm um den Verrückten und sprach an seinem Mund vorbei auf den Boden.

„Hör mal, Finn - ich darf dich doch Finn nennen? – wir sind gerade dabei, ein Lokal aufzusuchen. Ich lad’ dich zum Mittagessen ein und dann verschwindest du ganz fix dahin, wo du hergekommen bist, ja?“

Erneut schwieg Seraphin, in sein ausdrucksvolles Gesicht malte sich unverhohlene Enttäuschung.

„Warum?“ protestierte Tino erstaunlich vehement. „Er hat dir das Leben gerettet, und außerdem ist er doch ein ganz anständiger Kerl. Nicht mal die Annika hat er angefasst.“

„Das wär’ ja noch schöner! Kennt sie nicht und vergreift sich an ihr!“

„Ich bin neu in der Stadt und hab’ keine Wohnung“, erklärte Seraphin ohne Umschweife.

„Du kannst bei mir wohnen“, schlug Tino vor. „Vorübergehend, bis du was gefunden hast.“

„Tino!“ Was war nur in ihn gefahren? Eigentlich gehörte Tino nicht zur leutseligen Sorte, geschweige denn gastfreundlichen. Dass Branko es geschafft hatte, ihn zu knacken, hatte er nur dem unglücklichen Zufall zu verdanken, dass er Tinos Gesicht vor Jahren in mühseliger Kleinarbeit von den Stacheln eines Kaktusses befreit hatte, als er seinen Laden neu eröffnet hatte und ihm die Lieferung aus dem Laster entgegengekippt war. „Du weißt doch gar nichts über ihn!“

Geflissentlich überhörte Seraphin Brankos Zurechtweisung. „Das ist sehr nett von Ihnen, Herr Tino... von dir, Tino. Aber es wäre wohl zu voll in deiner kleinen Wohnung, und ich will keine Umstände machen.“

„Ich bin zur Zeit allein...“ murmelte Tino konsterniert, Branko fiel ihm ins Wort.

„Willst dich bei mir einnisten, was? Nein danke, ich hab’ Ärger genug!“

„Lasst uns erst mal was essen gehen“, schlichtete Tino. „Mit vollem Magen denkt sich’s besser. Dann können wir ja entscheiden, wo du unterkommen kannst.“

„Im Irrenhaus“, flüsterte Branko erbost, aber so, dass Tino es nicht hören konnte. Seraphin dagegen schien Ohren wie ein Luchs zu haben, er grinste amüsiert. Unvermittelt fragte sich Branko, wie man es anstellte, einen solchen Stoiker aus der Haut fahren zu lassen.

 

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