Camera Obscura

 

 

USA, Mitte der 1990er Jahre.


Zwei flüchtige Sträflinge sind auf der Suche nach dem „normalen“ Leben. Um weniger aufzufallen, trennen sie sich, und so lebt Mickey in Arizona, während sein Kumpel Joshua bei Mickeys Verwandten an der Ostküste von seiner Drogensucht kuriert wird.
Ein Hilferuf Joshuas lässt Mickey nach New York fliegen, wo er nicht nur Joshua helfen muss, sondern dank unglück-licher Umstände in den Bandenkrieg zwischen einer Neonazigruppe und Joshuas jüdischem Freundeskreis verwickelt wird und dabei eine Schlüsselfigur spielen soll. Mit gemischten Gefühlen nimmt er an, nicht zuletzt Ruths wegen, der Tochter des „Chefs“, in die er sich verliebt hat. Auch seine Beziehung zu Joshua wird auf eine harte Probe gestellt…

 

"Camera Obscura" ist die Fortsetzung von "Affettuoso", kann jedoch als eigenständiger Roman gelesen werden. Dennoch empfiehlt es sich, den ersten Band zu kennen.

 

 

Leseprobe:

 

Gegen zwei wurde ich wach, mein Mund war knochentrocken und ich selbst wie gerädert, die Klemme, in der ich steckte, überreizte mein Gehirn und löste einen akuten Blackout aus, dem bald unkontrollierte Panik wich, nachdem ich die Bruchstücke des Gesprächs wie Puzzleteilchen aneinandergefügt hatte. Ich war dabei, mich zum kaltblütigen Mörder zu stempeln, ich verlor in jedem Fall, egal wie das Spiel ausgehen würde, ich wäre ein sicherer Kandidat für die Dschehenna, Wohltätigkeit hin oder her. In meine wirren Überlegungen und Rettungsversuche um mein Seelenheil klopfte es, ich blieb abwartend und sagte nichts, sollten sie denken, ich wäre einem Schlaganfall anheimgefallen oder dergleichen, welch Gnade des Himmels wäre meiner inneren Zerrissenheit erwiesen worden.

-Michael? Schläfst du?

Ruth stakste herein, in voller Montur, High Heels und mehr Make-up, als für ihr Alter gut war, sie konnte doch unmöglich bis jetzt ausgewesen sein.

Behutsam schloss sie die Tür hinter sich und drehte den Schlüssel um, ihr Blick fiel auf den bunten Flickenteppich, auf den ich meine Klamotten und ihr Geschenk gepfeffert hatte.

-Bist du nicht mit deinem Alten heim, erkundigte ich mich überflüssigerweise.

-Ich übernachte manchmal hier, meine Eltern haben nichts dagegen.

 Mit Stielaugen tastete sie das Päckchen ab, ich wusste, dass sie wusste, für wen es bestimmt war.

-Pack’s doch aus, sagte ich. Ist für dich. Ich wollt’s dir eigentlich gestern Mittag schon geben.

-Oh Scheiße, rief sie aus und rieb mir den Slip unter die Nase. Oh Scheiße, das darf doch nich wahr sein!

-Ist’s nicht deine Größe, fragte ich, im Prinzip war mir das schon schnuppe, ich hatte jetzt weitaus wichtigere Sorgen.

-Oh... oh doch! Es ist nur - sowas hat mir ‘n Kerl noch nie geschenkt. Du hast hoffentlich keine Absichten, wenn ich’s gleich mal anprobier?

-Aber was, sagte ich und winkte ab, so was erschütterte meine Grundfesten nicht, auf die Masche stand ich seit Lukes Geburt nicht mehr.

-Wehe, du spannst, sagte sie und fing an, sich aus ihrem Fummel zu schälen, schneller als ich Ah sagen konnte, ich war so überrumpelt, dass ich einfach gaffen musste. Ohne ihre Stöckelschuhe maß sie kaum 1,60 m, bisher war sie mir immer viel größer vorgekommen. Sie wirkte klein und verletzlich, nichts war mehr übrig von der raubeinigen Ruth, als die ich sie kennengelernt hatte, ich war fast schockiert darüber. Ihre Figur, die sie durch die Kleidung optisch gestreckt hatte, lag ein wenig über dem Idealgewicht, doch genauso gefiel sie mir, ich konnte nicht verhindern, dass ich auf sie reagierte. Wie sie da vor mir stand, erinnerte sie an einen eben erst gepflanzten jungen Baum, schützend schlang sie die Arme um sich; wir waren beide ein wenig verwirrt, so als habe uns ein Dritter in die Situation unfreiwillig reingestoßen.

-Kalt, sagte sie.

Ich warf die Bettdecke zurück und rückte zur Seite; während sie schüchtern näherschlich, stieg ein exotischer Duft aus Niveacreme, Knoblauch und Ingwer in meine Nase. Sie schlüpfte wieselgleich ins Bett und zog sich die Decke sofort bis unters Kinn.

 

 

 

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