Ein Spiel zu viel

 

 

 

 

 

Das Buch:

 

 

Sommer 1902

Fünf junge Schauspieler – darunter die Brüder Irving und Orest Van Sander – machen scheinbar Ferien an der Südwestküste Englands. In Wahrheit jedoch treibt Irving van Sander ein anderer Grund nach Sherborne: der Adoptivvater seines Geliebten Galen Asquith, ebenfalls bei der Truppe, wohnt dort und soll nach Irvings Plänen ausgeschaltet werden, da er fürchtet, Galen zu verlieren, wenn dieser erfährt, dass Raphael Blake noch lebt.

Dessen Sohn Zachary, mit dem er und Galen in den Burenkrieg gezogen waren, hatte Irving von Galens Vergangenheit erzählt und davon, wie sehr er selbst sich zeitlebens einen Bruder gewünscht hatte, aber es nicht gewagt  hatte, seine Identität Galen zu offenbaren, aus Angst, er könne in ihm die Ursache seiner unglücklich verlaufenen Kindheit sehen. Galen wurde nach Zacharys Geburt in ein Waisenhaus gegeben.

Obwohl Galen ebenfalls mitfährt, hört er erst durch Orest, was Irving im Schilde führt, wenngleich Orest nicht die wahre Absicht seines Bruders kennt, sondern lediglich von Irving weiß, dass Irving Raphael Blake aufgrund seiner autoritären Erziehung einen Denkzettel verpassen will.

Orest mag den reservierten, aber sympathischen Blake und möchte nicht, dass ihm etwas geschieht. Er überredet Galen, mit ihm zu Blake zu gehen und ihn vor Irving zu warnen.

Die beiden unerwarteten Gäste bringen Unruhe in das beschauliche Dorf, und auch innerhalb der Schauspieltruppe spalten sich nach und nach die Gemüter. Das von Irving Van Sander inszenierte Drama gerät bald außer Kontrolle…

 

Leseprobe:

 

 


„Ich nehme Sie öfter mit, wenn Sie möchten“, offerierte Blake beim Essen. Zwischen ihnen flackerte eine Kerze als einzige Lichtquelle in der Stube. Empfindlich frischer Wind pfiff durch den sperrangelweit geöffneten Fensterladen. Nach den endlos schwülen Nächten hatte Orest sich allmählich an die Hitze gewöhnt, so dass er nun tatsächlich schlotterte. Er erhob sich, um das Fenster zuzuschieben. Blake sah zu, hinderte ihn aber nicht daran.

„Sie haben jüngere Knochen. Ich alter Bursche kann nicht mehr dorthin klettern, wo meine Tiere noch nicht alles abgeäst haben. Heute war ein Festtag für sie und auch für mich. Das fette Gras in den feuchten Mulden der Klippen lässt ihre Wolle glänzen, was wettbewerbsfähige Preise im Handelsverkehr zur Folge hat. Selbstverständlich werden Sie für Ihre Mühe belohnt. Was halten Sie von einem Handel? Ich beteilige Sie zu zwanzig Prozent an jedem verkauften Fell, Kost und Logis haben Sie frei. Sie hätten eine Beschäftigung und wären nicht mehr von Ihrem Bruder abhängig.“

„Sie sind nicht alt“, widersprach Orest mit vollem Mund; sie verspeisten Galens noch ofenwarmes selbstgebackenes Brot. Bäcker, das war ein neues, bislang schlummerndes Talent in seinem mannigfaltigen Repertoire, das er wie alles andere aus dem Ärmel schüttelte. Meister im Scheitern? Dass er nicht lachte.

Blake schmunzelte; er hielt die dampfende Scheibe Brot mit allen zehn Fingern und genoss offenbar den Luxus, den Galen ihm bescherte. „Doch, das bin ich.“

„Ich finde Sie sehr jung geblieben“, meinte Orest, errötete und war froh um das dämmrige Licht des Raumes. „Und es hat mir Spaß gemacht, Ihnen zu helfen und die Schafe zu hüten. Das ist mein voller Ernst. Aber erlauben Sie mir, über Ihren Vorschlag nachzudenken. Ich kann das nicht von heute auf morgen entscheiden. Mein Bruder...“

Blake machte eine ungeduldige Handbewegung, mit der er Orests Bedenken verwischen wollte. „Wissen Sie noch, was Sie anfangs zu mir gesagt hatten? Sie blieben solange, wie ich Sie brauchte. Dieses Versprechen war leichtsinnig, denn ich nehme Sie beim Wort. Jetzt brauche ich Sie. Vergessen Sie Ihren Bruder. Falls Sie Unsicherheit bezüglich Ihrer Krankheit verspüren, so würde ich Ihnen raten, nicht allzusehr darüber zu grübeln. Ich möchte wetten, sie vergeht von selbst, wenn Sie erst einmal Ihr Umfeld gewechselt haben.“

„Sie beschuldigen Galen und meinen Bruder der Ursache dafür?“

 „Bleiben Sie heute Nacht im Wohnzimmer“, empfahl Blake, vom Thema ablenkend und ihn irritierend musternd, so dass Orest an sein Gesicht fasste, um zu überprüfen, ob er Schmutz an der Wange kleben hatte. Er hatte sich schon gewundert, weshalb Blake ihn nicht zum Baden aufforderte, was er bei Galen nie versäumte. „Ich richte die Couch für Sie her.“

„Warum?“ 

„Weil ich es möchte“, entgegnete Blake lapidar.

„Aber Galen...“

„Er wird nicht daran sterben. Sie sind ein gutaussehender Junge, Orest. Wenn ich das sehe, was sehen dann erst Graysmark und Asquith in Ihnen? Vor deren Übergriffen sind Sie nicht gefeit, das haben wir gestern erlebt. Sollten Sie sich meiner Anordnung widersetzen, werfe ich Sie beide raus. Das Letzte, was ich brauche, sind rammelnde Bengel, die meine Wohnung zu einem Bordell degradieren.“

Schockiert ob Blakes grober Ausdrucksweise hob Orest die Hand zum Mund. Der Inspector griff über die Tischplatte und fuhr flüchtig über Orests andere Hand, die ausgestreckt darauf ruhte. Sie war nicht schwielig wie seine, aber kräftig und dunkel mit schmalen, zupackenden Fingern.

„Galen macht heute einen gereizten Eindruck. Wer weiß, wozu er in diesem Zustand fähig ist. Bleiben Sie unten. Mir zuliebe.“

Orest sagte nichts, er konzentrierte sich auf Blake. Ein lautloses Seufzen gab seine Resignation zu erkennen. „Einverstanden.“

Seinen Blick meidend betrachtete Blake die Hand unter seiner, die er mittlerweile aufgehoben hatte und die Handoberfläche nach oben drehte, um sie langsam zu massieren. Wie elektrisiert ließ ihn Orest gewähren.

„Sind Sie auch Jude, Orest?“

„Ist das von Relevanz?“

„Ich weiß es nicht. Ich weiß überhaupt nichts mehr. Galen wich dieser Frage aus. Ist es unangenehm, über Persönliches zu sprechen, wenn man sich näher kennenlernen möchte? Oder ziemt sich das in Ihren Kreisen nicht? Weswegen erzählen Sie mir nichts von sich? Welches Geheimnis verbergen Sie?“

„Ich verberge nichts“, antwortete er und entzog Blake seine Hand. „Ich hasse es, ausgefragt zu werden.“

 

 Während Orest pflichtbewusst und ohne Aufforderung das Geschirr spülte, schaute Blake nach Galen. Verschnupft, die Knie an die Brust angezogen hockte der auf dem Fenstersims und starrte hinaus. Das hölzerne Pferdchen in der Ecke wirbelte wild hin und her, stieß mit dem Kopf an die Wand und verursachte ein Geräusch, das in seiner Monotonie nervenaufreibend war.

Blakes Auftauchen hob seine Stimmung keineswegs.

„Gehen Sie weg.“

Stumm und ohne Hast machte Blake Anstalten, das beschmierte Kleidungsstück aufzuknöpfen. Dabei sprang ihm das Amulett ins Auge. Galen atmete schwer, während er es sich in den Nacken riss, als gedenke er es immer noch vor Blake zu verstecken.

„Seien Sie nicht so halsstarrig. Ich wechsle Ihren Verband, dann sind Sie mich für den Rest der Nacht los.“

Er ließ es zu, dass Blake ihn behandelte und die Wunden mit Alkohol desinfizierte. Es musste höllisch schmerzen, aber über Galens Lippen fleuchte nicht das leiseste Stöhnen. Er fixierte einen Punkt über Blakes Kopf, stumpf trübte sein Blick ein; hätte Blake es nicht besser gewusst, hätte er geglaubt, er starb im Stehen, verwelkend wie ein angebundener Strauch.

„Tu’ mir nicht weh“, murmelte er. „Nicht noch einmal. Ich habe es nicht vergessen, und ich werde dich töten, wenn du es wieder versuchst... ich war klein, aber jetzt bin ich groß, und ich habe in einem Krieg gekämpft, in dem viele Menschen umkamen. Ich bin noch da, um dir zu sagen, dass es falsch war, was du getan hast.“

 

Blake erstarrte, ehe seine Hände die mageren Schultern umschlossen und über seine Arme hinabfuhren. Was er fühlte, war ihm nicht so fremd, wie er geglaubt hatte. Die Muskeln eines Mannes, zum Zerreißen gespannt, ausgeprägt, und doch vertraut. Als er aufsah, waren die Pupillen des anderen geweitet, die Nasenflügel zitterten. Mühsam unterdrückte er seinen Aufruhr. „Es ist alles gut. Hören Sie? Kein Grund zur Beunruhigung. Ich bin schon fertig.“

Ruckartig erwachte Galen aus der Trance, in die er sich hineingeschaukelt hatte. In einem Anfall entrüsteter Prüderie raffte er sein Hemd zusammen. Doch als Blake rückwärts schritt, um ihm auszuweichen, fasste er flehend nach seinen Händen. „Nichts ist gut! Was machen Sie da?“

„Ich lasse Sie jetzt in Ruhe. Gute Nacht, Galen.“

 

Er schaffte es gerade noch bis hinter die Tür, an die er sich lehnte, und schloss ermattet die Augen. Ein dummer Zufall, weiter nichts. Dass er sich überhaupt angesprochen gefühlt hatte! Genausogut konnte jemand anders damit gemeint sein, der versoffene Vater, ein verflossener Liebhaber. In seinem Dusel konnte Galen jeden beschimpfen, der das Pech hatte, ihm über den Weg zu laufen. Psychisch war er nicht gesund, das jedenfalls stand fest. Seine Worte hatten ihn nicht mit Absicht gekränkt, und waren sie noch so treffend. Sich das einhämmernd, kehrte seine Geistesgegenwart wieder; er spürte seinen Körper wieder im Hier und Jetzt. Du bildest dir das nur ein, weil du es dir wünschst. Es ist nicht möglich. Jake ist tot.

Schüchtern hüstelte jemand vor ihm. Er riss die Augen auf und sah mit unbewegtem Blick auf Orest herab. Obwohl er die Worte klar und deutlich hörte, verstand er sie nicht wirklich. „Ist alles in Ordnung? Ich sollte vielleicht bei ihm sein. Er tut mir nichts. Aber wenn er merkt, dass er allein ist, zertrümmert er Zacharys schönes Zimmer. Das wäre jammerschade, oder?“

Müde stieß Blake sich mit dem Rücken von der Wand ab.

„Was sagten Sie?“

„Ich kann Galen nicht alleine lassen.“

„Ja“, stimmte Blake zerschlagen zu. „Gehen Sie nur.“

„Mr. Blake.“ Orest hielt ihn zurück. „Falls er Sie verletzt hat, nehmen Sie es nicht persönlich. Er weiß oft nicht, was er redet oder tut.“

 

 

 

 

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