Furchtlos zum Himmel (II)

 

 

Kapitel 2

 

 

Das Frühstück wurde als lustige Notwendigkeit zelebriert; es gab die gewohnten Eier mit Speck und gebackene Bohnen; wer es üppiger liebte, griff zu gebratenen Sardinen und gekochtem Hummer, was jedoch einen gewissen Grad an Abhärtung und Experimentierfreude voraussetzte. Allerlei Meeresgetier wimmelte auf den eilig herbeigeschafften Platten, Gewürm, das ich nicht einmal zu benennen wusste. General Quinley konnte es nicht lassen, den armen Sandy aufzuziehen, schon bald entwickelte sich zwischen ihnen ein Verhältnis, das etwas von einer Vater–Sohn–Beziehung an sich hatte. Tatsächlich entstand auf diesen Umstand hin ein Phänomen, das jeden von uns Außenstehenden amüsierte: Quinley und Boothwell, mit Witherspoon die ältesten im Verein, rangelten ständig um die Gunst des Jüngsten, peinlich bemüht, sich gegenseitig an Kuriositäten zu überbieten, mit denen sie glaubten, Milfords Interesse zu gewinnen.

„Wenn du schlau bist, lass die Finger von den Tintenfischen“, riet er. „Die sind nicht nur schleimig im Mund, sondern verursachen eine grässliche Malaria, dafür bin ich dein warnendes Beispiel.“

Milford kaute minutenlang auf seinem Toast herum; es fiel ihm schwer, die Geschichte des Generals in eine Kategorie einzuordnen.

„Sie haben Malaria, Sir? Von den Fischen?“

„Von was sonst, Gefreiter?“ dröhnte der General, der Gefallen daran fand, einen naiven Zuhörer für seine grotesken Anekdoten gefunden zu haben. „Was meinst du, weshalb hier ein ganzer Tross Kurpfuscher zugegen ist?“

„Quinley“, zischte Stillwater mahnend, der an der Verunglimpfung seines Berufes nichts Spaßiges entdecken konnte. Milford suchte meinen Blick, ich schüttelte kaum merklich den Kopf.

„Nur die Anophelesmücke kann den Malariavirus übertragen, junger Freund“, beruhigte Stillwater und hob, zu einem wissenschaftlichen Vortrag ansetzend, den Zeigefinger. „Es ist ein allgemein verbreiteter Irrtum, dass...“

„Mr. Quinley den Hals nicht voll genug bekam und selbst einen malariaverseuchten Tintenfisch nicht verschmähte“, schloss Reeves. „Hören Sie auf, Stillwater, ich kann Ihre verflucht salbungsvolle Art nicht ausstehen.“

Stillwater seufzte ergeben und widmete sich wieder seiner halbrohen Garnele, wir hatten gelernt, Reeves das letzte Wort zu lassen, da man doch nicht gegen seine Spitzzüngigkeit ankam. Nur Milford öffnete den Mund zu einer Erwiderung, sein ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit duldete kein Schweigen.

„Und ich kann dich nicht ausstehen, Reeves“, erklärte er und sagte dem Diplomatensohn damit offiziell den Kampf an. Morrow, sich seiner gebieterischen Autorität wohl bewusst, schlug mit dem Löffel gegen seine Teeschale. Ich bemerkte einen Ausdruck in Reeves‘  ansonsten hochnäsigem Gesicht, der es mir schwer machte, nicht laut herauszulachen; er schaute reichlich dumm aus der Wäsche, einen ebenbürtigen Gegner gegenüber sitzenzuhaben. Es war erheiternd, aber nicht gut. Mit seiner Offenheit hatte Milford ihn vor den Männern kompromittiert; so eine Bodenlosigkeit verlangte Revanche.

Pappsatt und ein wenig träge beschloss ich, mit Stillwater in der Stadt ein paar Besorgungen zu machen, bis zur nächsten Station mussten die Vorräte halten. Transportmittel würde der Zug sein, eine mehr schlecht als recht zusammengeflickte Eisenbahnlinie führte direkt von Bombay nach Kalkutta, und von dort aus würde es ernst werden. Von der fraglichen Tauglichkeit der Schienen machten wir uns gleich selbst ein Bild, ich balancierte wie ein kleiner Junge auf den Geleisen, Stillwater mir hinterher.

„Timothy Milford ist ein Risiko, Preston.“

„Nur weil er sagt, was er denkt? Er ist gut in Form, Ralph, voller Elan und Idealismus. Und jung – je jünger sie sind, desto stabiler ihre Knochen und vorzüglicher ihre Beweglichkeit. Du als Arzt müsstest das eigentlich wissen.“

„Wage nicht, meine Qualitäten als Mediziner in Frage zu stellen“, sagte Stillwater und schnaubte. „Das ist natürlich ein Faktor. Trotzdem habe ich ein flaues Gefühl bei ihm.“

Ich sprang im Zickzack von einer Schiene zur anderen.

„Was soll ich tun? Ihn nach Hause zurückschicken? Oder an die Universität in Delhi, bis wir wiederkommen?“

„Unsinn! Ich wollte es dir nur gesagt haben.“

Ich legte ihm die Hand auf die Schulter. „Was du hiermit getan hast. Wollen wir‘s dabei belassen, alter Knabe?“

Er schien noch nicht befriedigt, mit zusammengekniffenen Augen kratzte er seinen ausrasierten Nacken; die heisse Sonne der vergangenen Tage hatte seine Haut verbrannt. Ich hatte plötzlich das Verlangen, ihn in die Arme zu schließen, er wirkte verletzlich und schmollte.

„Du bist eifersüchtig“, neckte ich ihn. „Auf einen Schulbuben. Stimmt‘s?“

Er machte keinen Hehl daraus, versuchte nicht, meine Scherzhaftigkeit zu erwidern.

„Immerhin haben wir es letztes Mal bis auf  7200 Meter geschafft.“

„Stillwater! Willst du damit etwa andeuten, ich plane mit dem Jungen den Gipfelsturm?! Das wäre ja Wahnsinn! Außerdem hat Morrow zu entscheiden, das weißt du.“

Das Einkaufen auf dem indischen Markt ist ein Kapitel für sich. Feilschen und Betrug sind an der Tagesordnung, Stillwater und ich kämpften von Anfang an auf verlorenem Posten. Engländer, die Sahibs, wurden mit einer herablassender Beflissenheit  von seiten der Einheimischen behandelt, erst recht solche, die ihre komplizierte Sprache nur in Brocken beherrschten und sich vorzugsweise ihrer Hände und Füße zur Verständigung bedienten. Ich hätte die Quinleys oder Reeves als Begleiter wählen sollen; sie waren die einzigen, die Hindustani leidlich sprachen und damit Erfolge verbuchten. Wir dagegen ließen uns tüchtig übers Ohr hauen. So kehrten wir zerknirscht mit unserer Ausbeute zurück, eine Ladung Dosen, über deren Inhalt wir zweifelten, und kistenweise matschiges Obst, worüber Morrow verständlicherweise nicht sehr erbaut war.

 

~~~

 

Wir verlebten noch ein paar sehr erquickliche Tage in Bombay, Morrow und ich befassten uns mit der Planung der Route und dem Aufstellen von Listen, während ich Milford die nötige Ruhe zugestand, es würde noch anstrengend genug werden. Er und Reeves hielten sich von morgens bis abends am Pool des Hotels oder im nahegelegenen Wald auf; verblüffenderweise arrangierten sich die beiden recht gut. Es lag wohl daran, dass Reeves es nicht gewohnt war, sich verbal zu verteidigen, sondern nur austeilte, zum Streiten war er schlicht zu bequem. Sie maßen sich physisch bei Wettschwimmen und Laufen, Morrow musste des Öfteren mahnend eingreifen, wenn sie es zu toll trieben. Nicht selten kam Haskiell dazu, um die Herztöne nach einem verausgabten Rennen zu nehmen; sobald Milford und Reeves ihn von Weitem bemerkten, versteckten sie sich oder tauchten solange im Pool unter, bis es Haskiell zu dumm wurde, zu warten. In ihrer Abneigung gegen Haskiell waren sie sich einig; lediglich Grant stieß des Doktors eisige Aura nicht vor den Kopf, und er bemühte sich sehr um Verständnis für dessen beinahe katatone Launen.

Als wir mit unserem schweren Gepäck zum Bahnhof aufbrachen, regnete es, ein warmer tropischer Guss, der uns einen Vorgeschmack auf den Dschungel gab. Milford war stets an meiner Seite. Der Regen schien ihm nichts auszumachen, er ermutigte die vorbeihuschenden Träger, bot sich an, deren Lasten ein Stück weit zu tragen, obwohl die Träger eigens dafür angeworben waren.

„Sie sind zu nett zu den Leuten“, sagte ich. „Das verwirrt sie. Es sind nur Kulis, mein Lieber.“

„Aber der Alte dort ist viel zu schwach, um Mr. O‘ Learys Koffer zu tragen“, widersprach er und zeigte auf einen ausgemergelten halbnackten Wilden, der ein ums andere Mal keuchend hinter der Karawane zurückblieb. „Bitte gestatten Sie, dass ich ihm helfe.“

Ich hielt nach Morrow Ausschau und stellte fest, dass er an der Spitze alle Hände voll zu tun hatte, die Leute zu dirigieren.

„Na schön, Milford. Aber passen Sie auf, dass Morrow Sie nicht erwischt. Das wäre höchst unbritisch.“

Eifrig redete er auf den Alten ein, dem von seinem Glück nichts schwante, er war des Englischen nicht mächtig, daher nahm Milford kurzerhand den Koffer an sich und stemmte ihn auf seine Schulter. Dem Inder war nicht wohl bei der Sache; anfangs schielte er ängstlich in meine Richtung und unternahm mehrere halbherzige Versuche, dem Jungen das sperrige Ding zu entreißen, was diesen gefährlich aus dem Tritt brachte. Schließlich erschöpfte sich seine Geduld.

„Ich will dir doch helfen, du Idiot“, brüllte er. „Ist das so schwer zu begreifen?!“

Das zeigte Wirkung, der Alte verzog den zahnlosen Mund zu einem entschuldigenden Grinsen und ließ Milford gewähren. Seine bevorzugte Position stieg ihm dermaßen zu Kopf, dass er bald einen Bambusstrauch entweihte, indem er aus ihm eine Rute brach und sie in Nachahmung von Morrows antreibender Kuhlederpeitsche hin- und herschwenkte.

Später stand Milford der Schweiß auf der Stirn, den ganzen Weg hatte er mit seiner verbotenen Last zurückgelegt. Mich plagte das schlechte Gewissen, weil ich letztendlich für seinen ausgelaugten Zustand verantwortlich war.

„Es geht schon, Sir“, wiegelte er meine Besorgnis ab, doch von dem Taschentuch, welches ich ihm reichte, machte er dankend Gebrauch.

„Na, Milford – Sandy? -, das Klima ist gewöhnungsbedürftig, nicht?“

Morrow hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, die Reihen seiner Schutzbefohlenen abzugehen wie ein General seine Offiziere. Mit angehobenem Kinn, die Hände auf dem Rücken, wippte er vor Milford auf den Fersen. Der zuckte ob der einschüchternden Taktik nur scheinbar gleichgültig die Achseln.

„Das ist wohl wahr, Mr. Morrow, Sir. Ich kann nichts dafür.“

Eine Spur Trotz schlich in seine Stimme, eine Unbeherrschtheit, die auf der Stelle geahndet wurde; Morrow riss erstaunt die Augen auf.

„Nein. Sicher nicht. Trotzdem sähe ich es lieber, wenn Sie Ihre dringend benötigten Kräfte schonten statt hier den Lakaien zu spielen. Mr. Preston –" Er warf mir einen rügenden Blick zu  "- wird dafür sorgen, dass Sie nicht übermütig werden.“

Die Eisenbahn hatte zeit ihrer Existenz keine Sanierungsarbeiten genossen, doch am asiatischen Standard gemessen strahlte sie fast so etwas wie Komfort aus. Zwei gesäuberte Viehwaggons, hinter den Passagierwaggons angekoppelt, dienten als Schlafstätte für uns und die Träger. Im Übrigen schnaufte sie wie ein Rudel asthmatischer Schlittenhunde und schien jeden Meter unter größter Qual zurückzulegen.

„Großer Gott“, entfuhr es Haskiell, damit war sein Vokabularpensum für heute erfüllt.

„Immerhin, Hask“, tröstete Boothwell. „Wenn Er mitfährt, dürfen wir beruhigt sein.“

Die mehr oder wenige komische Bemerkung entlockte Milford ein kurzes Lachen, was Boothwell beglückt zur Kenntnis nahm. Sofort mischte sich der General ein:

„Am Berg wird Er wieder aussteigen, wie letztes Mal.“

Dass dieser Verstieg, Boothwell zu übertrumpfen, alles andere als geistreich war, wurde ihm erst bewusst, als es zu spät war; gesenkten Hauptes zog er von dannen. Milford, der von nichts wissen konnte, zupfte mich leicht am Ärmel. Ich zuckte zusammen.

„Was gibt es?“ blaffte ich, jetzt war es an ihm, zu erschrecken.

„Wollen wir einsteigen, Sir?“

O‘Leary war von einem verzweifelten Verlangen beseelt, einen Teil der Fahrt vom Dach der Lok aus zu filmen. Er bestimmte Milford zu seinem Assistenten, nachdem ihm auf seinem Aussichtspunkt schlecht wurde. Milford baute die schwere und komplizierte Ausrüstung auf, als hätte er in seinem Leben nichts anderes getan. Während der Fahrt blieb er oben und passte auf, dass kein Material verlorenging. Der arme O‘Leary hatte ordentlich unter unseren Nicklichkeiten zu leiden; sowas wollte nun einen Achttausender erklimmen!

„Die Maschine wackelt wie verrückt“, verteidigte er sich lahm. „Der Berg noch nicht.“

Unsere Sticheleien verärgerten den humorlosen O‘Leary derart, dass er bis Sonnenuntergang kein Wort mehr mit uns sprach. In misslicher Laune ließ er seinen Unmut an Milford aus, der bei einbrechender Dunkelheit das Lokomotivendach räumte. Dem Jungen war nichts anzumerken, als O‘Leary wetterte und drohte, wenn eine seiner kostbaren Filmrollen überbelichtet wäre, würde er Milford den Tigern zum Fraß vorwerfen. Wir anderen maßen seinem Schweigen keine große Bedeutung bei und schrieben es der Müdigkeit zu.

Ich schlief unruhig in der Nacht; als ich mich in dem engen Raum auf die andere Seite wälzte, stieß ich gegen etwas Hartes, Bebendes. Zögernd streckte ich die Hand aus. Es war Milfords Rücken. Instinktiv streichelte ich ihn, fest und langsam, einer Massage ähnlich, bis er nicht mehr zitterte.

„Sandy“, wisperte ich. „Was ist mit Ihnen?“

Er wandte mir das Gesicht zu, das Weiß seiner Augen schimmerte feucht.

„Nichts.“

„Sie haben geweint. Weshalb?“

„Oh, Mr. Preston“, brach es aus ihm heraus. „Ich mache alles verkehrt.“

Gerührt, aber auch milde schockiert über die eigene Unsensibilität, seine Emotionen zu unterschätzen, zauste ich sein Haar, auf dem ein schmaler Streifen neugeborenes Sonnenlicht durch die lückenhaften Ritzen des Waggons tanzte.

„Reden Sie sich das nicht ein. Jeder ist für das Unternehmen äußerst wichtig. Es gibt nur einen Fehler, den Sie haben: Sie sind jung, und das macht sie verdächtig bei den Männern. Nehmen Sie sich deren rauen Ton nicht zu Herzen; sie meinen es nicht wirklich so. Im Grunde sind sie unsicher, da sie nicht wissen, wie sie mit Ihnen umgehen sollen.“

Eine Zeitspanne verstrich, in der in mir eine tiefe Verbundenheit zu Milford aufwallte. Ich lag wach auf dem Rücken und starrte an die spinnwebenverhangene Decke, dabei fühlte ich den fragenden Blick Milfords auf mir ruhen.

„Wollen Sie etwas wissen?“

Er räusperte sich verhalten, um die anderen nicht zu wecken, seine Frage, die ihn schon geraume Zeit zu beschäftigen schien, formulierte er mit Bedacht.

„Als der General sagte, dass Gott vor der letzten Station aussteigen würde, wurden Sie kreidebleich. Sie waren mir völlig fremd in dem Moment, um ehrlich zu sein. Ich dachte, Sie kippen gleich um. Ist es indiskret, zu fragen, warum Ihnen die Bemerkung so nahegegangen ist? – Sie müssen mir aber nicht antworten, wenn Sie nicht möchten, Sir“, fügte er schnell hinzu.

Ursprünglich hatte ich nicht vorgehabt, diese Geschichte aufzuwärmen, insbesondere vor Milford nicht, den sie verunsichern könnte. Aber nach rascher Überlegung gelangte ich zu dem Schluss, dass es besser war, wenn er wusste, worauf er sich einließ.

„Das letzte Jahr war schlimm, Sandy. Die Bedingungen für eine Besteigung waren von Anbeginn denkbar schlecht, trotzdem haben wir alle Widrigkeiten ignoriert. Es war purer Leichtsinn. Oben hatten wir Unmengen von Neuschnee, der Morrow davon abhielt, weiter die Verantwortung zu übernehmen. Also erkor ich mich kurzerhand zum Leiter und führte die Leute in ein Gebiet, das für uns alle nicht zu bewältigen war, erst recht nicht für die Sherpas, die dem Berg ohnehin Misstrauen entgegenbringen. Sie sind störrischer als Esel, das werden Sie noch erleben. Wir fanden keine Felsmulde, als der Sturm einsetzte, zwei Trägern wurde das zum Verhängnis. Von unterhalb des Grats ging eine Pulverschneelawine ab – und riss sie mit sich. Das Seil wurde durch den Druck zerfetzt – ob glücklich oder unglücklicherweise, mag ich nicht beurteilen. Jedenfalls sind Stillwater und ich alleine zum Lager zurückgekommen.“

Milfords Augen wurden riesig, überhaupt konnte man seine Gedanken und Stimmungen fabelhaft von ihnen ablesen.

„Das tut mir leid, Sir. Aber Ihre Schuld war es doch nicht.“

„Nicht? Wessen dann?“

Er suchte nach Worten, in seinem Gehirn tickte es.

„Sie können es drehen und wenden, wie Sie wollen. Ich habe das auch probiert. Es hilft nichts. Ich habe mich nicht darum gerissen, bei der jetzigen Expedition dabeizusein, wie Sie sich denken können.“

Vielleicht hatte ich ihm eine Illusion geraubt, eine, die Menschen zu übernatürlichen Wesen stilisiert, die kein Versagen des Ideals oder Vorbildes zulässt. Aber ich glaube, es war richtig, ihm die Wahrheit zu sagen; dass ich mich von der menschlichen Rasse nicht ausschloss, zu meinen Unzulänglichkeiten stand und bereit war, sie vor ihm zu offenbaren.

„Ich bin froh, dass Sie trotzdem zugesagt haben“, meinte Milford schließlich, es war keine Floskel.

„Ich glaube, man kann viel von Ihnen lernen.“

Ich lächelte. „Wenn Sie Probleme haben, Sandy, können Sie jederzeit zu mir kommen.“

 

Mittlerweile hatte die Sonne die Truppe wachgekitzelt, nur Grant steckte bis zu den verwuschelten Haarspitzen in seinem Schlafsack und sägte ganze Wälder um. Er war ein netter, verträglicher Kamerad mit einer hervorstechenden Tendenz zum Müßiggang, was sich bedauerlicherweise in jeder erdenklichen Lebenslage herauskristallisierte. Weniger gemütvollen Zeitgenossen – und es gab derer viele - ging er damit häufig auf die Nerven. Wir nannten ihn Porter das Faultier, obwohl es mit seiner Trägheit nicht ganz so im Argen lag und man sich in Krisensituationen felsenfest auf ihn verlassen konnte.

„Angetreten zum Appell, Grant“, donnerte der junge Quinley, wie sein Onkel ein gestandener Gurkhakoffizier. „Zartfühlend“ und um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, stupste er Grant in die Seite. „Die Bahn entgleist!“

„Menschenskinder“, murmelte Grant und rollte zur Wand. „Das wird doch wohl noch ein Viertelstündchen Zeit haben.“

Wir lachten eine Runde, Grant wirkte immer ein bisschen unfreiwillig komisch. Mit ihm hatte ich noch ein paar Worte zu wechseln, was den Sauerstoff anbelangte. Für ihn eine reichlich unbequeme Angelegenheit; die Überraschung darüber, dass ich das Thema zur Sprache brachte, malte sich in sein freundlich-harmloses Pferdegesicht. Perplex blinzelte er zu mir hoch.

„Wollten wir es nicht ohne versuchen?“

„Wir könnten ihn aber brauchen, Porter.“

„Wenn du es sagst. Die Flaschen lagern in Kalkutta; Sandy soll sich damit befassen, wenn wir angekommen sind.“

„Ich halte es für keine gute Idee, ihm alleine die Aufgabe zu übertragen. Du solltest dir wenigstens die Grundkenntnisse der Handhabung aneignen.“

Grant zupfte lustlos einen Grashalm aus, den er sich in den schiefen Mund zog.

„Wozu denn? Ich habe keine Ahnung von solchen Dingen.“

Ich wurde ein wenig unbeherrscht. Da kannte ich ihn schon so lange und trotzdem gelang es ihm ständig, mich auf die Palme zu bringen.

„Aber der Junge hat sie? Mit dreiwöchiger Klettererfahrung auf den Cuillin Bergen? Das ist doch nicht dein Ernst. Er weiß vermutlich nicht einmal, wie diese Flaschen aussehen.“

Jetzt war es um Grants Fassung geschehen, er schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen.

"Im Alpine Club hat man ihn mir doch empfohlen."

"Ja, weil man die jungen Kletterer an einer Hand abzählen kann und Milford wohl der einzige war, der einen Eispickel von einem Steigeisen unterscheiden konnte."

Grant sah ehrlich bestürzt aus.

"Du meinst, wir schleppen einen blutigen Anfänger auf den Everest?"

"Zerbrich dir darüber nicht den Kopf, mein Junge. Er ist von einem äußerst bemerkenswerten Fleiß und lernt schnell."

 

~~~

 

Sofern es Milford irgend möglich war, das heisst, er nicht für Reparaturen eingespannt wurde (denn ohne seine Anweisungen und sein vorangehendes Beispiel rührte keiner einen Finger, aus Angst, mehr zu schädigen denn zu korrigieren), hielt er sich in meiner Nähe auf, Grant verpasste uns das Synonym „Milton“, eine Verballhornung der Namen Milford und Preston, die bald von der gesamten Mannschaft annektiert wurde.

Der Respekt beruhte auf Gegenseitigkeit; obwohl soviel jünger als ich, erwies sich Milford als kluger und feinsinniger Gesprächspartner, eine Eigenschaft, die ich nach seiner Selbsteinschätzung, „er sei nicht so gescheit wie seine Brüder“, leichthin abgehakt hatte. Wie so oft hatte man ihn, einen unbedeutenden mittleren Sohn, dazu angehalten, etwas Anständiges zu lernen und ihn ansonsten wenig gefordert. Milford sprach viel von seinem Vater, den er als eine Art Übermensch erfahren hatte und der Ungehorsam mit Schlägen zu bestrafen pflegte.

Wir hockten im Dschungel auf einer Lichtung, Milford einen verschlissenen Rucksack auf den Knien, den er notdürftig flickte. Neben ihm türmte sich ein Stapel ähnlich erbarmungswürdiger Exemplare.

„Ich habe nie verstanden, warum er das tat“, sagte er. „Meine Brüder bekamen kein Abendessen, aber ich wurde dazu noch geschlagen. Ich war nicht schlimmer als meine Geschwister, und trotzdem schien mein Vater immer etwas an mir auszusetzen zu haben.“

"Warum, glauben Sie, wurden Sie gezüchtigt und nicht Ihre Brüder?"

Achselzuckend knipste er mit den kräftigen Zähnen den vernähten Faden ab. "Ich war eben anders. Nicht unartiger, aber dümmer."

"Sie sind kein Dummkopf."

"Mein Vater war da anderer Ansicht."

Sekundenlang sah ich ihn ernst und nachdenklich an, er erwiderte meinen Blick mit der für ihn charakteristisch entwaffnenden Offenheit, bis er sich wieder, leicht konsterniert, über seine Arbeit beugte.

"Lassen Sie sich nicht verderben und werfen Sie die Richtlinien Ihres alten Herrn über Bord. Sie sind verstaubt und erniedrigend."

"Sir? Ich weiß nicht, was Sie meinen. Meine Eltern wollten immer das Beste für mich."

"Daran zweifle ich nicht. Nur sind Wollen und Tun zwei verschiedene Dinge. Denken Sie einmal darüber nach. – Ich habe gestern etwa zwei Stunden nördlicher Richtung von hier ein prächtiges Gebirgsplateau entdeckt. Perfektes Gelände, um nicht einzurasten. Wenn Sie hiermit fertig sind, hätten Sie Lust, mich zu begleiten?"

Wieder blitzte es in seinen Augen auf, er bemühte sich, die Aufregung in seiner Stimme zu unterdrücken, was ihm nur leidlich glückte.

"Nichts was ich lieber täte, Mr. Preston."

Ich erhob mich und klopfte meine Hosen ab. "Fein. Also sagen Sie mir Bescheid, sobald Sie Ihre Pflichten als tapferes Schneiderlein erledigt haben."

"Ich kann damit heute Abend weitermachen, " sagte er. „Das hat Zeit."

 

Der Landstreifen, durch den ich Milford führte, war wundervoll und berückend in seiner wildwuchernden Flora, wir ließen uns nicht hetzen und blieben bei der ein oder anderen Pflanze stehen; Arten, die mir selten erschienen, bat ich Sandy zu photographieren. Gelegentlich pflückte ich ein paar erregend duftende Wildblumen, um sie gepresst den Briefen an Emily beizufügen.

"Sie sind ganz anders als alle Männer, die mir je begegnet sind“, stellte Milford fest.

"Sie denken, Pflanzenkunde und Blumenpflücken sei Weiberkram."

"Nein, Sir. Es ist nur außergewöhnlich, dass Sie sich damit beschäftigen."

"Wir beschäftigen uns viel zu wenig mit den schönen Dingen, Sandy. Frauen haben uns da einiges voraus. Meine Großtante hat nie gearbeitet; ihr ganzes Leben lang war sie auf Reisen, las gerne ein Buch und rauchte wie ein Schlot, und sie ist hundert Jahre alt geworden."

"Sie wollen mich auf den Arm nehmen."

"Mitnichten."

"Ist das auf Dauer nicht schrecklich ermüdend?"

"Natürlich muss man ein gesundes Mittelmaß finden und es mit dem Spaß nicht übertreiben. Aber meine Großtante war ein sehr erfüllter, glücklicher Mensch."

Auf halber Strecke verließ ich den plattgetretenen Pfad und bog rechts ins Urwaldinnere ein, Milford folgte mir ein wenig irritiert.

"Hier ist schwer durchkommen“, ließ ich ihn wissen. "Geben Sie mir Ihre Hand und schließen Sie die Augen."

"Gehen wir nicht auf das Plateau?"

"Stellen Sie nicht so viele Fragen“, lächelte ich. "Tun Sie einfach, was ich sage."

Wir schlängelten uns durch dichtes Schlingpflanzenwerk und verschwenderische Farbenpracht, dem armen Sandy entging etwas, aber er hielt sich brav an meine Anweisung, die Augen nicht zu öffnen, auf am Boden herausragende Baumwurzeln machte ich ihn deshalb jedesmal amüsiert aufmerksam.

Die Quelle war noch umwerfender als letztes Jahr, die Vegetation, darunter weiße und zartrosa Anemonen, stand in voller Blüte und verschlug mir beinahe den Atem, einen schöneren Fleck Erde hatte wohl kaum jemand vor uns erblickt.

"Wir sind da, Sandy. Öffnen Sie Ihre Augen."

Ich hatte damit gerechnet, dass es eine Überraschung für ihn war, doch seine Reaktion übertraf meine Erwartungen. Er war völlig sprachlos, als sei er nach langer Ödnis auf  eine labende Oase gestoßen.

"Stillwater und ich haben sie entdeckt“, sagte ich. "Daher tauften wir sie Stillwater Bucht."

"Das ist das Paradies“, hauchte er, eine Definition, die meine volle Bestätigung fand.

"Eine Erfrischung täte uns gut, was meinen Sie?"

Damit legte ich meine Kleider ab und rannte juchzend ins kalte türkisblaue Wasser. Milford hockte sich auf einen moosigen Felsen und sah mir beim Planschen zu.

"Kommen Sie“, rief ich. "Nur nicht schüchtern."

Lange zierte er sich nicht, achtlos warf er seine Sachen neben meine und ehe ich mich versah, paddelte er vergnügt unter einen eisigen Gebirgswasserfall. Er war ein routinierter Schwimmer, das hatte ich schon am Pool in Bombay bemerkt. Sein braungebrannter Körper bildete einen reizvollen Kontrast zum von der Witterung ausgebleichten Haupthaar. Ausgelassen kraulten und tauchten wir um die Wette oder turnten auf den glitschigen Steinen unter dem herabstürzenden Wasserstrahl. Über unsere Vergnügungssucht vergaßen wir die Zeit und unser eigentliches Ziel; erst Milfords blaue Lippen gemahnten, dass ein ausgedehntes Bad nicht auf unserem Plan gestanden hatte.

Wir gelangten in den frühen Nachmittagsstunden zum Plateau. In seiner bizarren Schroffheit erinnerte es an eine monumentale Felsenstadt, zu der der Schöpfer das Fundament gelegt, doch nicht vollendet hatte, da ihm schlagartig ein besserer Einfall gekommen war und er sein architektonisches Werk darüber völlig vergessen hatte. Ich wählte einen etwa dreißig Meter hohen Hang als Übungsobjekt mit einer Steigung von vielleicht fünfunddreißig Prozent; ein grasbewachsenes Hochplateau war über ihn zu erklettern. Nichts spektakuläres, doch die nahezu glatte Gesteinsoberfläche hatte es in sich. Wir spähten hinauf und prägten uns seine wenigen Unebenheiten ein; dabei suchte ich in Sandys Augen nach einer Gemütsregung, einer Unsicherheit, aber sie blieben klar und auf das Hindernis vor ihm fixiert, einzig sein Kiefermuskel malmte unter großer Konzentration.

"Ich bleibe dicht hinter Ihnen und sichere Sie“, sagte ich.

"Das wäre nicht nötig“, erwiderte er selbstbewusst. "Aber wenn es Sie beruhigt."

"Übereilen Sie nichts“, riet ich. "Es ist noch lange hell."

Ich ließ mir beim Sichern mehr Zeit als notwendig, es musste ihm auffallen, doch er sagte nichts. Nach meiner Erfahrung mit Anfängern glaubte ich, deren Fehler ganz ordentlich einschätzen zu können; ich war auf alles gefasst und bereitete mich auf einen routinemäßigen Vortrag vor, was er beachten sollte und wie er am besten Halt fand. Zu meiner Verblüffung blieben mir die belehrenden Standardratschläge jedoch im Hals stecken, als ich ihn klettern sah. Die Geschmeidigkeit seiner Bewegungen, das Gespür für den Fels unter ihm konnte man nur als einzigartig bezeichnen. Flink wie ein Eichhörnchen strebte er dem höchsten Punkt zu, ohne eine Pause einzulegen. Erst kurz vor dem Plateau wandte er sich um, erstaunt, mich immer noch am Boden und nicht hinter sich zu finden, wie ich es versprochen hatte.

"Wo bleiben Sie denn, Sir?"

"Nicht nach unten schauen“, rief ich. "Lassen Sie sich durch mich nicht ablenken."

"Er ist doch steiler als es von unten den Anschein hatte“, bekundete er, systematisch einen der kleinen Vorsprünge nutzend, an dem er sich vollends hochzog.

Ich folgte ihm, und gemeinsam verzehrten wir unser Brotfrühstück auf dem Hochplateau, von dessen Sims aus man für die Anstrengung mit einer märchenhaften Aussicht ins Tal belohnt wurde.

"Sie haben es geschafft: Ich bin überrascht“, lobte ich, Überschwang vermeidend. "Wo haben Sie klettern gelernt?"

"Ich war ein paar Mal Skifahren in der Schweiz. Zum Vergnügen habe ich mir manchmal die kleineren Berge vorgeknöpft. Ich weiß, meine Technik ist nicht besonders ausgefeilt –“

"Nein, ich meine, wer hat es Ihnen beigebracht?"

"Niemand“, antwortete er, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. "Ich wollte einfach hinauf."

"Jetzt halten Sie mich zum Narren."

Er lachte sein unvergleichliches Lachen.

"Gewiss nicht. Das würde ich nie wagen."

Den Abstieg meisterte er nicht ganz so bravourös, aber passabel, ohne gravierende Schwächen. Einmal rutschte er ab, fing sich jedoch ohne mein Eingreifen rasch wieder. Durch seinen Fehltritt wurde mir bewusst, dass ich es versäumt hatte, uns anzuseilen, ich begann zu schwitzen und hoffte, er würde es nicht bemerken. Glücklicherweise behielt Milford die Nerven. Als wir wieder ebenen Grund unter den Füßen hatten, blickte er erst stolz nach oben und dann zu mir, ich wickelte so beiläufig wie möglich das Seil auf.

"Sie haben auf die Seilschaft verzichtet, Mr. Preston“, sagte er schelmisch. "Oder haben Sie's etwa vergessen?"

"Kein Wort zu den Kollegen, mein Junge. Das bleibt unter uns."

 

~~~

 

An diesem Abend schrieb ich Emily von meinem kühnen Vorhaben, Milford so weit es ging mit hinaufzunehmen, ich war mir bisher nicht sicher gewesen, aber er schien dazu prädestiniert. Könnte es sein, dass uns das Schicksal zusammengeführt hatte, um uns beiden die Chance zu bieten, etwas ungeheuer Bedeutendes, Großes zu schaffen? Fast wollte es mir so scheinen.

Stillwater näherte sich durchs Geäst, Bambuszweige für den Kessel unter dem Arm.

"Witherspoon ist nicht angetan von deiner Spontaneität, Milford zu entführen. Er war dazu eingeteilt, dem Doktor bei der Konservierung von Insekten zu helfen."

"Er wird's überleben. Der Junge arbeitet viel zu hart."

"Apropos“, sagte Stillwater und ließ sich neben mir nieder. "Wo steckt unser Kleiner eigentlich? Ich habe ihn lange nicht mehr singen gehört."

Sandy pflegte bei seinen Aufgaben nicht selten zu singen, und zwar laut und falsch. Er sang stets dasselbe, irgendeinen aktuellen Schlager, dessen Titel, obwohl von der Melodie simpel und eingängig, mir nie im Gedächtnis haften blieb. Der musisch angehauchte Stillwater hatte ihn zaghaft für "It's a long Way to Tipperary" zu gewinnen versucht, doch nachdem er es ein-, zweimal heruntergeleiert hatte, schmetterte er umso inbrünstiger sein geliebtes, trauriges Stück, das Stillwater und Boothwell trotz  der schrägen Töne oder gerade deswegen regelmäßig zu Tränen rührte.

"Ernsthaft“, fuhr Stillwater fort. "Ich wollte ihn mir mal ansehen, er sah mir heute ein wenig spitz um die Nase aus."

"Er war müde. Ich habe ihn schlafen geschickt“, entgegnete ich, den Brief beiseite legend. Stillwater musterte mich irritiert. "Müde? Wovon?"

"Wir waren auf dem Plateau."

"Mann Gottes, Preston! Er hat doch keinerlei Kletterambitionen. Es war mir ja klar, dass du ihn testen willst, aber gleich da hinauf?!"

"Du hättest ihn sehen sollen. Unerschrocken und gewandt wie eine Katze. Er ist ein Glücksgriff, Ralph, in jeder Beziehung."

"Na, dann wäre ein wohlklingender Bariton wahrscheinlich zuviel verlangt“, bemerkte Stillwater trocken.

Die schwüle Hitze erzeugte in uns allen Trägheit und Reizbarkeit, besonders schlimm erwischte es Liam Quinley, dem obendrein wieder seine Malaria zusetzte. Gegen Morgen rüttelte Sandy an meiner Schulter, sein Ausdruck war angespannt und verstört.

"Mr. Preston! Wachen Sie auf! Ich glaube, dem General geht es nicht gut."

In der Tat ging in der gegenüberliegenden Ecke des Waggons ein Gegrunze und Gestöhne vonstatten, dass einem angst und bange werden konnte.

"Er wird sicher sterben“, fürchtete Sandy. "Wie schrecklich!"

Beruhigend legte ich ihm die Hand auf den Arm. "Nein, nein. Das ist nicht weiter tragisch. Solche Attacken hat er öfters. Ich sage Dr. Witherspoon Bescheid."

Witherspoon war Quinleys Leib- und Magenarzt, von keinem anderen ließ er sich die Chinininjektion in den Blutkreislauf jagen. Er übertraf beinahe noch Haskiells Absonderlichkeit, doch schlug er ins andere Extrem und redete wie ein Buch. Dass ihm bei seinen absurden Gedankensprüngen, in hartem walisischen Dialekt vorgetragen, niemand folgen konnte, störte ihn nicht. Wir hörten ihn, in Ermangelung geduldiger Gesprächspartner, häufig vor sich hinplappern.

Auf mein Rufen reagierte er zunächst nicht, obwohl seine unregelmäßigen Atemzüge recht deutlich demonstrierten, dass er weit entfernt von Morpheus' Reich weilte.

"Witherspoon!" Ich stieß den Haufen Decken, unter dem sich Witherspoon vergraben hatte, unwirsch mit dem Ellenbogen. "Der General."

"Ach", seufzte er. "Ach, ach." Auch das Wiederholen einzelner Wehlaute und Sätze zählte zu seinen Marotten. Leidend erfassten mich seine teichgroßen, hellen Froschaugen, fast wäre ich darin ertrunken.

"Der arme Mann. Der arme, arme Mann. Da kann man nichts machen, da kann man nichts machen."

Inzwischen zeigten sich die Tücken der Tropenkrankheit in all ihren facettenreichen Grausamkeiten; Schüttelfrost, Zähneklappern und schauderhaftes Stöhnen veranstalteten ein Crescendo wie von tausend unerlösten Seelen. Boothwell, Haskiell und Stillwater griffen im Halbschlaf zu ihren nichtvorhandenen Instrumentenkoffern, während Milford enger an mich heranrückte.

"Er stirbt doch“, flüsterte er.

Mit unglaublicher Lustlosigkeit machte sich Witherspoon daran, die Qualen des Generals zu lindern, denn die regeren Doktoren stieß Quinley im Fieberwahn von sich.

Von der körperlichen Präsenz des Jungen ging eine unangenehme Wärme aus, ich strich über seine Stirn und stellte fest, dass er glühte wie ein Ofen.

"Sie fiebern, Sandy."

"Das habe ich gestern Abend schon vermutet“, meldete sich Stillwater, er kroch an uns heran, um Milfords Lider in alle Richtungen zu verdrehen. "Hatten Sie Malaria, Sandy? Pocken, Typhus, Syphilis?"

"Wie? Ich glaube nicht–"

"Hör auf, ihn zu erschrecken. Und was soll das mit der Syphilis?"

"Kenne ich seine Lebensgewohnheiten? Als Arzt kann ich derartiges nicht ausschließen."

 

~~~

 

Tags darauf ging es dem General besser, er behauptete, sich an nichts erinnern zu können; es war ihm jedesmal entsetzlich peinlich, dass er, ein Mann wie ein Bär, von einer lächerlichen Malaria beherrscht wurde. Davon, dass er in Witherspoons Begleitung nach Bombay zurückkehren könne, wollte er nichts hören. Sandys Temperatur war dank Stillwaters kompetenter Maßnahmen zurückgegangen, doch er klagte über Übelkeit und Kopfschmerzen.

Kalkutta war noch dreckiger und lärmender als Bombay, die Straßen verstopft von ausgehungerten Menschen und wohlgenährten Kühen, die bei den Indern als heilig verehrt werden. Als wir dort ankamen, war die Hälfte unserer Gruppe elend und krank. Ich entschied mich, Aidan Quinley und Sandy mit in die Stadt zu nehmen, sie waren beide nicht in Topform, doch verglichen mit den anderen wären sie mir beim Einkaufen nützlicher, Quinley sprach die Sprache und Sandy, obwohl man es ihm nicht ansah, schleppte Lasten wie ein Ochse. Die Einheimischen waren fasziniert von seinem blonden Schopf; wo wir auftauchten, scharten sie sich um uns in der Hoffnung, ihn berühren zu können.

"Was haben diese Leute?" fragte er leicht pikiert, er war pausenlos damit beschäftigt, sich der drängenden Menge zu erwehren oder unter ihren ausgestreckten Armen hindurchzuschlüpfen, einige brachten sogar kleine Geschenke, einen Apfel oder sonstiges, was sie gerade auf den Märkten erstanden hatten. Das ausgefallenste Präsent bestand zweifellos in einem gelben, zerfressenen Backenzahn, mit dem ein steinalter Guru vor Sandys vor Ekel verzogenem Gesicht fuchtelte.

"Sie lieben Sie“, antwortete ich lachend. "Seien Sie geschmeichelt, für die sind Sie ein Exot."

"Eine zweifelhafte Ehre“, meinte Quinley. "So verrückt habe ich die Leute noch nie erlebt, und ich bin seit sechs Jahren in Indien."

Da keiner von uns Appetit verspürte, fielen unsere Einkäufe entsprechend dürftig aus; aber wir mussten ohnehin mehrmals auf den Markt und uns außerdem noch um das Organisatorische kümmern, dazu gehörten die Pferde, die Ausrüstung und das Anwerben von Trägern. Die uns hierher begleitet hatten, reichten bei Weitem nicht aus. Nach der Begebenheit in der Stadt blieb Sandy meist im Hotel; die Hysterie, die seine Erscheinung auslöste, war ihm nicht geheuer, und so beschäftigte er sich ausgiebig mit den ihm in der Tat unbekannten Sauerstoffgeräten. Es war ein wenig frustrierend, teilte er mir mit, dass fast alle Flaschen Mängel aufwiesen oder nach dem langen Transport von England nach Indien leckten.

"Meinen Sie, Sie können etwas dagegen tun?" erkundigte ich mich.

"Ich versuche es“, sagte er. "Ich dachte, Mr. Grant könnte mir ein wenig helfen, aber er scheint Wichtigeres zu tun zu haben."

"Verlassen Sie sich nicht auf ihn. Er ist kein Freund dieser Geräte und ziemlich altmodisch."

"Puh“, machte er und  blies sich eine Strähne aus dem Gesicht. "Das kann man ihm nicht verdenken."

 

Insgeheim waren wir alle erleichtert, als man uns über die baldige Ankunft des Bummelzugs nach Darjeeling unterrichtete. In der Stadt war es wenig erträglich; wer sich notgedrungen der Hitze und dem Schmutz aussetzte, war bei der Rückkehr ins Hotel gänzlich von einer ekelhaften Staubschicht bedeckt, die wie Pech zu kleben schien. Eine Waschgelegenheit gab es nur für diejenigen, die das feuchte Verließ im Keller nicht schreckte, wo von der bröckeligen Decke ein Schlauch hing, der für alle möglichen hygienischen Verrichtungen verwendet wurde.

Die Bahn ins Hochland war besetzt von Passagieren, so dass wir den größten Teil unserer Ausrüstung zurücklassen mussten und Morrow den Trägern anordnete, sie nachzuliefern, sobald der nächste Zug ging. Unter Umständen konnte das Wochen dauern, doch wir hofften darauf, dass das Glück uns gewogen blieb. Das Abteil stank nach Schweinen und altem Männerschweiß, jedenfalls waren das Milfords Worte. Ich sah ihm an, dass er sich zusammenreißen musste, um nicht durchzudrehen in der Enge und dem lauten unverständlichen Geplapper rings herum. Der General entledigte sich fluchend seines Oberhemdes, was von Milford dankbar aufgegriffen wurde.

"Man reist von Jahr zu Jahr komfortabler“, scherzte Aidan Quinley. "Ich weiß gar nicht, was du hast, Onkel."

 

~~~

 

Uns standen ein paar fürstliche Tage im Palais des Gouverneur Beckinsale bevor, der uns mit Pomp und Getöse empfing, indem er seine Lakaien hundert Schritt vor seinen geöffneten Toren Spalier stehen ließ, durch die wir hindurch mussten. Dabei brummten die Inder so etwas wie die britische Nationalhymne, was uns peinlich berührte. Lediglich Milford fand Gefallen an dem Spaß und sang mit.

Der Gouverneur, obwohl dieser Einfall typisch für ihn war, war ein streitsüchtiger, dem Alkohol im Übermaß zusprechender Mann, der sich sonderbarerweise großer Beliebtheit bei seiner Dienerschar erfreute. Regierungsgeschäfte legte er in die Hände von fähigeren Männern, um mehr Zeit für seine Hobbys, der Tigerjagd und dem Trinken, auszuschlachten. Was gutes Essen betraf, konnte er seine Genußsucht ebenfalls nicht verhehlen. Stillwater hatte ihm letztes Jahr eigens einen Diätplan aufgestellt und musste nun mit dem niederschmetternden Resultat fertigwerden.

Der Unterschied zwischen dem armen Kalkutta und der weißgetünchten vornehmen Villa des Gouverneurs hätte gravierender nicht sein können; in jedem Raum sprudelten mit filigranen Porzellanfigürchen verzierte Zimmerbrunnen, weiße Vorhänge umspielten die geöffneten goldgerahmten Fenster, überall standen silberne Schalen mit frischem Obst herum und der Boden des Waschraumes war mit schwarzem Marmor ausgelegt. Wir residierten wie die Könige und fühlten uns nach all der Armut und dem Elend ziemlich befangen.

Um ein Uhr nahmen wir im Empfangssalon gemeinsam mit unserem Gastgeber das über zwei Stunden währende Mittagsmenü. Eine erdenklich unangenehme Formalität, da der Gouverneur, anfangs augenzwinkernd und vor guter Laune nur so sprühend, von uns wegen seiner Unberechenbarkeit wie ein rohes Ei behandelt wurde. Man musste aufpassen, dass man genau das sagte, was er einem in den Mund legte. Ansonsten genossen wir die unerwarteten Gaumenfreuden, es wurde protzig aufgetischt, Huhn in Currysauce, gebratener Reis mit Frühlingszwiebeln und Hackfleischbällchen und als Hauptgericht ein ganzer Fasan, dem ein Apfel im Schnabel steckte.

"Ob der junge Mr. Milford sich mit meinem Sohn arrangieren könnte?" fragte der Gouverneur gierig. "Ihm ist jeder Tag so lange, er kann sich einfach nicht beschäftigen."

Der Sohn, dreizehn Jahre alt, war eine Plage. Bisher hatte er sich nicht blicken lassen, und ich konnte mir auch denken, weshalb. Ich hatte ihn bei unserem letzten Besuch dabei erwischt, wie er den Windhunden seines Vaters brennende Äste an den Schwanz zu binden beabsichtigte und ihn dafür tüchtig übers Knie gelegt.

"Das würde ich gern tun, Sir“, antwortete Sandy liebenswürdig, er war in einer Zwickmühle, da ich ihn von den glorreichen Einfällen des Gouverneurssprößlings bereits gewarnt und man ihm gleichzeitig die Launenhaftigkeit des Vaters vor Augen geführt hatte.

"Fein“, freute sich der Gouverneur und rieb sich die fetten Hände. "Ich stelle ihn Ihnen gleich nach dem Mokka vor." Stolz erging er sich in den Schandtaten seines kleinen Prinzen, der innerhalb eines Jahres fünf Gouvernanten verschlissen hatte.

"Und seine Frau liegt wohl mit einem Nervenzusammenbruch im Hospital“, raunte Boothwell mir zu. "Ich kann sie jedenfalls nirgends entdecken."

"Meine Frau -“, sagte der Gouverneur und wir hielten entsetzt den Atem an, hatte Boothwell ihm das Stichwort geliefert? Falls es so war, nahm Beckinsale es jedenfalls mit charakterfremden Humor auf, "- ist mit meiner Tochter in die Stadt gefahren. Sie kaufen Kleider für den Ball heute Abend, den ich für Sie alle geben werde."

 

Der türkische Mokka war eine Seltenheit im Himalaya und bedurfte daher besonderer Achtung, doch brauchten wir uns dafür nicht so sehr überwinden wie für die übrigen Schmeicheleien, er mundete uns fast besser als der dünne, zuvor servierte Tee. Eine Plauderei ging reibungslos in die nächste über, man musste nur auf der Hut sein, dem Gouverneur gefällige Themen anzubieten, die Politik sparten wir bemüht aus. Er schilderte uns in blumigen Worten die letzte Großwildjagd, prahlte mit seinen Eigenschaften als unfehlbarer Schütze und tapferer Jäger, und wir brauchten nichts weiter zu tun als staunend zu nicken oder ein wissendes "Aha" zum besten zu geben. Der einzige Moment, in dem es unerquicklich zu werden drohte, war der, als ein Diener eine bauchige Haschpfeife zum krönenden Abschluss des Mahles brachte. Boothwell und der General schworen, nie etwas Vergleichbares geraucht zu haben, was Milford gespannt aufhorchen ließ. Boothwell schickte sich sogleich an, ihm das Monstrum über den Tisch zu reichen mit der schwärmerischen Bemerkung, dies sei einer der acht Schätze des Orients.

"Lassen Sie das, Milford“, sagte ich barsch. "Sie werden mir dankbar sein, wenn Sie Boothwell und Quinley am Boden liegen sehen."

"Was wollen Sie damit andeuten, Preston?" herrschte mich Beckinsale mit rotem Kopf an. "Ist mein Tabak vergiftet?!"

"Milford“, sagte ich eindringlich, den Gouverneur ignorierend. "Hören Sie auf mich. Das Zeug mag auf gewisse Mitmenschen einen Reiz ausüben, aber die Stärkeren sind die, die es nicht nötig haben. Ich sage es Ihnen nur einmal, wenn Sie es dennoch versuchen, steht es Ihnen frei. An mich denken werden Sie trotzdem noch."

Sandy – hin und hergerissen zwischen Loyalität und Neugier - überlegte eine Weile, dann lehnte er die Pfeife entschieden ab, womit er sich der Gunst des Gouverneurs bis auf weiteres entzog. Darüber hinaus war der Bengel nirgends aufzutreiben, was Beckinsale noch mehr erzürnte.

Indes waren wir ganz froh darüber, ich zog mich mit Grant, Stillwater, Morrow und Milford in den Schatten eines der vier Vorgartenpavillons zurück, wo wir eine gepflegte Zigarette pafften.

Nach einer Weile geniEsserischer Stille und gelegentlicher kichernder Bemerkungen über den cholerischen Gouverneur rauschte ein junges Ding von vielleicht siebzehn Jahren auf uns zu, sie trug ein pompöses rostfarbenes Kleid mit einer weißen Schleife im Rücken. Betont schamhaft knickste sie vor uns und reichte dann jedem die Hand.

"Mein Vater sagte, ich solle Sie begrüßen, meine Herren. Wie gefällt Ihnen mein neues Kleid?"

"Ganz nett“, meinte Grant, ihre Mundwinkel verzogen sich etwas nach unten ob dieser unbändigen Begeisterung.

"Absolut hinreißend“, rettete Milford die Situation. "Ein schöneres habe ich noch nie gesehen."

Eiligst pflichteten wir übrigen bei, das Mädchen streckte keck ihren Arm aus und forderte Milford auf, mit ihr einen Spaziergang durch den Park zu machen. Er bedachte mich mit einem merkwürdigen Blick, doch ich tat, als bemerke ich es nicht und nickte der Dame aufmunternd zu.

Der Ballsaal verfügte nicht nur über einen Orchestergraben und einen prachtvollen Steinwayflügel, sondern auch über eine aus Deutschland importierte Hupfeldorgel, ein Ungeheuer, das uns der Gouverneur mit kindlichem Besitzerstolz vorführte und uns wider Willen über die Maßen beeindruckte.

"Für den heutigen Anlass habe ich ein Orchester engagiert, "sagte er. "Aber Sie können sie bedienen, wann immer es Ihnen beliebt."

Sogleich ging Milford um die Orgel herum, in der Absicht, ihre Mechanik zu erforschen und die Lochblätter unter die Lupe zu nehmen.

"Paula ist in Ordnung“, antwortete er verlegen auf Morrows neckende Feststellung, dass Maschinen unseren Kleinen mehr erregten als die Gelegenheit, ein schönes Mädchen zu verführen. "Aber das hier ist sensationell."

Ich klimperte ein wenig auf dem Klavier herum, Chopin und Mozart hatte ich als Kind gelernt.

Stillwater schnappte sich Sandy und schwofte mit ihm übers Parkett. Die ersten Schritte wirkten etwas hölzern, doch als Sandy sich mit seiner Rolle als mitgehende Dame angefreundet hatte, hätte man das sonderbar anmutende Paar filmen mögen.

"Wir wollen uns doch heute Abend nicht blamieren“, begründete Stillwater den ungewohnten Ausbruch an Spaßhaftigkeit.

Zu Beginn um acht Uhr versammelte sich der gesamte Hofstaat, sogar die Presse war geladen, was ich dem Gouverneur ein bisschen verübelte. Kein Sterbenswörtchen hatte er davon verlauten lassen, und jetzt zog er eine Show auf, als seien wir Filmstars. Fast beneidete ich Boothwell und den General, die sich gemäß meiner Prophezeihung mit einem Brummschädel in die verdunkelten Schlafgemächer geflüchtet hatten.

Sandy war der einzige, der sich in der Aufmerksamkeit sonnte, die Damen rissen sich um einen Walzer mit ihm, nachdem es die Runde gemacht hatte, was für ein wundervoller Tänzer er sei. Er selbst zeigte sich nicht blind gegenüber der holden Weiblichkeit und flirtete mit jüngeren Damen genauso hemmungslos wie mit solchen, die gut und gerne doppelt so alt waren.

"Welche würden Sie bevorzugen“, fragte er, als er sich atemlos an meinen Tisch setzte. "Die ältere oder Paula?

"Paula“, erwiderte ich ungerührt. "Das andere ist die Gouverneursgattin."

 

Ein Zusammentreffen mit Cyril, dem Sohn des Hauses, ließ sich nicht umgehen, am nächsten Tag frühstückten wir mit der vollzähligen Gouverneursfamilie Kaviar und Hummerkrabben.

Cyril gab jedem von uns artig die Hand, bevor er sich an seinen Platz setzte und linkisch die Krabben aufpulte.

"Mr. Milford wird dich am Vormittag ein wenig unterhalten, Schatz“, säuselte Mrs. Beckinsale. "Er ist ein bezaubernder junger Mann, und ich möchte, dass du dich benimmst."

Der Gouverneur witterte eine Gefahr in der überschwenglichen Beschreibung Milfords und sah mit blutunterlaufenen Schweinsäuglein von seinem überfüllten Teller auf.

"Wenn er dir nicht gefällt, brauchst du es nur zu sagen, Cyril."

Milfords Optimismus bezüglich des verstockten, düster vor sich hinstierenden Knaben war beispielhaft.

"Wir raufen uns schon zusammen, oder? Schließlich heissen wir beide schon mal Cyril, das hat doch wohl was zu bedeuten."

Wie durch ein Wunder sah und hörte man von den beiden den ganzen Tag nichts, Boothwell äußerte die makabre Vermutung, Sandy habe den Jungen aus Verzweiflung im See des Parks ersäuft und traue sich nun nicht mehr zurück, um es den Eltern zu beichten.

Lange nach der vereinbarten Zeit, zu der Cyril seinen obligatorischen Mittagsschlaf halten sollte, erscholl ein Heidenlärm im Park, es waren Milford und der kleine Prinz mit einer Horde Straßenkinder, über und über verdreckt bis auf die Gesichter. Mrs. Beckinsale sank bei diesem Anblick in eine Ohnmacht, aus der sie nicht einmal ihr rasch herbeigebrachtes Riechsalz erlösen konnte.

"Wir haben Rugby gespielt“, tönte Cyril.

Die indischen Jungen, fassungslos vor Glück darüber, Freunde eines verwöhnten kleinen Engländers geworden zu sein, nickten zu seinen Worten feierlich. Es war rührend, zu gern hätte ich Milford in diesem Moment für seine Handlung, die Kinder auf der Straße anzusprechen und sie für Cyril zu gewinnen, ein psychologisches  Diplom verliehen.

Der Tanzsalon diente gleichzeitig als Gesellschaftsraum, in dem die Beckinsales oft ihrer musischen Tätigkeiten frönten. Es war dort kühler als in der Wohnung, und wir nahmen das Angebot, uns dort ebenfalls zu verweilen, mit Freuden an.

Sandy schloss eine herzergreifende Freundschaft mit dem Knaben, und auch Miss Paula war stets in seinem Umkreis zu finden. Gemeinsam unternahmen sie Ausritte oder spielten Tennis auf dem Platz im Park; wenn es zu heiss wurde, kamen sie ins Haus zurück, nachdem der Gouverneur sie einmal mit hochgekrempelten Ärmeln und aufgeknöpften Hemden ertappt hatte. Auch die Tochter hatte mitgehalten und den breitkrempigen Sonnenhut nebst der Seidenstola ins Gras gelegt, was, wie der Gouverneur zornesrot verkündete, für einen Skandal sorgen wird, sollte man sie gesehen haben.

Ich freute mich, Zeit für mein lange vernachlässigtes Klavierspiel zu haben und saß stundenlang im Saal, um zu sehen, ob ich es noch fertigbrachte, meine gelernte Palette vorzutragen. Die Kameraden verzogen bei jedem Ausrutscher schmerzlich das Gesicht, doch Sandy und das Mädchen ließen sich regelrecht von meinen ungewürdigten Künsten anstecken, Paula vor allem deshalb, weil Milford großes Interesse an diesem Instrument anmeldete.

Der Türkenmarsch von Mozart mit seiner mitreißenden, leichten Melodie hatte es ihm besonders angetan.

"Das würde ich gerne spielen können“, sagte er mit leuchtenden Augen.

"Nur zu“, antwortete ich. "Ich bringe es Ihnen bei."

Er strich sich das Haar zurück und setzte sich tatenhungrig auf den Hocker.

"Ich sage es Ihnen aber besser gleich. Wir sind keine musikalische Familie."

Wieder einmal fühlte ich die Kraft, die von ihm ausging, ein unverdorbenes Vertrauen in seine Fähigkeiten, es kam ihm überhaupt nicht in den Sinn, sich vor den anderen, die rauchend in ihren Gartensesseln vor sich hindösten, zu genieren. Unvorbelastet wie er war, hatte er nie Noten lesen gelernt, ich ließ mich neben ihm nieder, um seine schmalen, wie für das Klavier geschaffenen Finger über die Tastatur zu führen. Von der Berührung ging eine Spannung aus, die mich faszinierte, geradeso als verschmolzen wir durch das Spiel zu einer einzigen Person. Zu meinem Leidwesen hatte er diese Stütze nicht lange nötig, tatsächlich besaß er ein Gespür für den Rhythmus des Stückes, so dass es ihm nicht schwerfiel, das Hauptthema so lange zu wiederholen, bis es vollkommen fehlerfrei über die Tasten hüpfte. Er sah so verblüfft aus, als könne er selbst nicht fassen, dass die Musik durch das Tanzen seiner Hände zustandekam.

"Sie sind ja ein Naturtalent, Sandy“, himmelte ihn Paula verzückt an. "Sagen Sie mir nicht, Sie hätten vorher nie an einem Flügel gesessen."

"Ich möchte mehr lernen“, wandte er sich an mich. "Es ist gar nicht so schwer wie es immer aussieht."

Also begannen wir damit, Sandys Musikalität zu schulen, er war leidenschaftlich bei der Sache und übte, wann immer es ihm gelang, sich vor Paula und Cyril zu verstecken. Sein wacher Geist und sein Wissensdurst machten ihn zu einem Schüler, wie ihn sich jeder Lehrer gewünscht hätte. Doch es war mehr, was uns verband, für mich war er Eleve und Freund, ja vielleicht sogar eine Art Seelenverwandter. Es genügte ihm nicht, auf dem Klavier nur zu spielen, und so veranstalteten wir Anschauungsunterricht, indem wir den Flügel hochklappten, um das Innenleben zu entschlüsseln. Anhand der Saitenschwingung und der Größe des Resonanzbodens berechnete er das Klangvolumen des Instruments, das ihn mindestens genauso sehr fesselte wie die Orgel. Die Menschheit zog aus seiner Berechnung keinen großen Vorteil, aber sie war für ihn persönlich wichtig, um das Klavier zu verstehen; er machte sich akribisch Notizen, bis die Funktionsweise aller ihrer kleinen Geheimnisse beraubt worden war.

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