Vom Ernst des Lebens

 

 

 

 

Das Buch:

 

 

 
1958: Der lebenslustige, weltgewandte Miles Mayhew bedrängt den introvertierten, menschenscheuen Rupert Grayson dazu, mit ihm nach Paris zu fahren. Beide kennen sich, wenn auch nicht besonders gut, aus der gemeinsamen Studienzeit in Oxford, wo Miles bereits Gefallen an dem gegensätzlichen Rupert gefunden hatte.
Miles scheint vor etwas zu fliehen, denn er bricht überhastet auf und lässt sich im Pariser Hotel unter Pseudonym eintragen. Zudem gibt er sich und seinen unfreiwilligen Begleiter als Brüder aus. Rupert, der zum ersten Mal im Ausland ist, sind Paris und die französische Lebensart verhasst, während Miles sich sofort willkommen fühlt.
Überraschenderweise ist es jedoch Rupert, der einen engeren sozialen Kontakt zu einem Bistrobesitzer knüpft, der verzweifelt um seinen Lebensunterhalt kämpft, da die Gäste ausbleiben.
Miles – aus wohlhabender Familie stammend und sehr spendabel – beschließt, Thierry um Ruperts willen zu helfen und das Bistro zu einem Anziehungspunkt zu gestalten. Mithilfe des Hotelpagen und dessen Onkel renovieren sie die Gaststätte.
Die Freundschaft zwischen Miles und Rupert vertieft sich. Im Lauf der Zeit hilft Miles Rupert zu entdecken, was wirklich in ihm steckt, und genauso ermutigt Rupert Miles auf seine Weise, mehr von sich preiszugeben. Er erkennt, dass die Fröhlichkeit häufig nur als Selbstschutz dient, denn auch Miles hat seine empfindsamen, aber auch dunklen Seiten, die er jedoch eisern unter Kontrolle hält. Nach einigen Monaten in Paris fürchtet Rupert, Miles’ Attraktivität hoffnungslos erlegen zu sein. Denn der verbirgt etwas, über das er trotz seines offenen Wesens nicht einmal mit seinem besten Freund sprechen kann … ein Schweigen, das Rupert zu einer drastischen Maßnahme verleitet.

 

 

 

 

 

 

Leseprobe:

 

 

 

 

 

 

 

Ebenso wie seine Bewohner zeigte sich Paris laut, schrill, grotesk und zudem auch noch schmutzig. Der Taxifahrer jagte seinen Wagen hupend und wie ein angestochenes Schwein über die breiten Chausseen, auf denen ohne Sinn und Regeln der Verkehrsordnung getrotzt wurde. Sein rasanter Fahrstil verursachte Rupert erneut Übelkeit. Mehrmals wurde er im Fond gegen Miles geschleudert, der ihn nachsichtig lächelnd gerade hinsetzte.

Ganz nach Miles’ exklusivem Geschmack hatte er dem Fahrer eines der teuersten Hotels in der Innenstadt genannt. Ehrfürchtig folgte ihm Rupert durch die vergoldete Drehtür über den spiegelblanken Marmorboden, auf den er zunächst vorsichtig den Fuß setzte, um sicherzugehen, nicht auszurutschen. In den Ecken des hohen Foyers luden polierte, von exotischen Pflanzen und Palmen flankierte Ledermöbel zum Verweilen ein. Eine junge Frau saß mit überkreuzten Beinen in einem Sessel und las konzentriert in einem Modejournal. Schnell wandte Rupert den Blick ab und schloss zu Miles auf, der sich nach einer kurzen Schäkerei mit dem dürren Portier im Hotelregister als Victor Mason eintrug. Verdutzt zog ihn Rupert am Ärmel.

„Was soll das? Du bist doch nicht …“

Miles legte den Finger über die Lippen. „Scht. Du wirst mich ab jetzt so nennen. Und so tun, als ob du mein Bruder wärst. Ab heute heißen wir beide Mason, hast du das verstanden?“

Rupert ging auf, dass der Name „Mason“ eine Verballhornung ihrer beider Nachnamen war. „Victor“ lautete Miles’ zweiter Name, nach seinem Vater, so stand es in seinem Abschlusszeugnis. Obwohl er nicht den leisesten Schimmer hatte, was Miles mit einem Pseudonym bezweckte, fand er Gefallen an dem Spiel. Er hatte gar nicht gewusst, dass Miles eine so ausgeprägt kindliche Seite hatte.

„Mir soll’s recht sein, Vic.“

Mit dem Kinn auf eine gläserne, messinggefasste Zelle deutend, flüsterte Miles: „Der Portier sagt, du kannst dort drüben telefonieren. Sag’ deinen Eltern, du seiest auf Anraten deines Arztes auf Klettertour in den Schweizer Alpen oder auf Kur in Bad Kissingen. Auf keinen Fall erzählst du ihnen von mir, und dass du aus Paris anrufst. Lass dir irgendwas einfallen, das sie dir glauben.“

Wie ein geprügelter Hund schlich Rupert zum Telefon. Nichts würden sie ihm glauben, dazu kannten sie ihn zu gut. Er war ein schlechter Lügner, der sich sofort verriet. Und er hatte keinen Arzt. Eigenartig auch, dass Miles nicht erwähnt werden wollte. Gut, seine Eltern mochten ihn nicht besonders, hielten ihn für einen schlechten Einfluss auf den tugendhaften Sohn, aber war das jetzt nicht übertrieben? Was sollte er sagen?

Als er hinter der Glaswand den Hörer abnahm, wurden seine Finger feucht, sein Atem ging schwer. Miles wartete, er hatte ihn genau im Visier. Rupert fiel ein, dass er keine Ahnung hatte, wie die Auslandsvorwahl für Britannien lautete. Und überhaupt. Wenn er jetzt die Stimme seiner Mutter hören musste, die über den Kanal an sein Ohr drang, konnte er für nichts garantieren. Morgen würde er einen Brief schreiben, das wäre am besten. Auf diese Weise hätte er Zeit, sich seine Worte genau zu überlegen.

Miles versicherte er, dass alles geklärt sei. Er schien doch nicht ganz so miserabel zu flunkern: jedenfalls bekundete Miles keinerlei Skepsis.

Der Page, ein flinker, drahtiger Bursche um die Zwanzig mit sonnengebleichtem Blondhaar, das durch den Garçonschnitt sein ovales, leicht gebräuntes Gesicht betonte, bestand darauf, ihre Koffer zu tragen, obwohl er viel zu schmächtig wirkte, um die beiden schweren Taschen hochzuwuchten. Er schaffte es dennoch und erntete ein anerkennendes Zwinkern von Miles, das er mit einem Strahlen quittierte und dabei sehr weiße, furchteinflößend lange Zähne entblößte.

Im Lift übte er sich im Smalltalk; sein Englisch war beinahe perfekt.

„Sie sind zum ersten Mal hier? Die Stadt wird Ihnen gefallen. Alle Touristen mögen Paris, besonders zu dieser Jahreszeit. Ich komme aus Nîmes. Südfrankreich. Mein Onkel hat mich hergebracht. Zuerst wollte ich nicht, aber jetzt, nach zwei Jahren, bin ich froh, dass er so hartnäckig war. Man lernt viele interessante Leute kennen, und manche sind sehr spendabel. – Hier steigen ja ziemlich reiche Leute ab, Politiker, Sänger ... Schauspieler auch. Ich habe ein Autogramm von Gene Kelly, wollen Sie es sehen?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, nestelte er in seiner Uniformjacke herum und drückte es Rupert in die Hand.

„Toll“, kommentierte Rupert lahm, indem er auf das von beneidenswerter Vitalität strotzende Porträt starrte. Der irische Name ließ ihn an ein Mitglied der Sinn Fein-Partei denken, wenngleich die Kostümierung irgendwie deplaziert anmutete. Vielleicht wollte er nicht erkannt werden.

Miles wölbte tadelnd die Brauen.

„Heben Sie es gut auf. In ein paar Jahren hat es sicher beachtlichen Wert.“

Der Page nahm das vom vielen Herumzeigen zerfledderte Foto an sich und neigte geringschätzig den Kopf ob soviel Gleichgültigkeit, während seine vollen Lippen einen Schmollmund andeuteten. Anscheinend war es nicht das gewesen, was er hatte hören wollen. Die grünen Augen hinter schweren Lidern verdunkelten sich, und er wippte schweigend auf den Fußballen.

„Ein gutaussehender Mann und einmaliger Tänzer“, versuchte Miles die Situation zu retten. „Er war phantastisch in Urlaub in Hollywood. Aber fast noch besser als d’Artagnan.“

Die Miene des Pagen hellte sich auf. „Sie haben seine Filme gesehen?“

„So gut wie alle“, bestätigte Miles. „Er ist unglaublich vielseitig. Gute Entertainer gibt es nicht viele, aber Gene Kelly gehört definitiv dazu.“

„Ich habe auch ein Autogramm von Marlene Dietrich“, sprudelte der Page hervor. „Aber das hängt zuhause in einem Rahmen. Wenn Sie möchten, bringe ich es morgen mit – wir sind da. Ich wünsche einen angenehmen Aufenthalt, Messieurs.“ Er stellte die Koffer an der Tür ab und wies einladend in die weitläufig geschnittene Suite. Miles gab ihm Trinkgeld, soviel, dass Rupert an diesem Tag beinahe zum zweiten Mal ohnmächtig wurde. Das gesamte Vermögen der Mayhews oder zumindest Miles’ Erbanteil musste offenbar für diesen sonderbaren Urlaub verprasst werden, ganz so, als hätte Miles eine absurde Wette mit sich selbst geschlossen.

Ein furchtbarer Gedanke schlich sich in sein Gehirn, den er fast nicht auszudenken wagte. Was, wenn dieser Urlaub Miles’ endgültig letzter war? Womöglich hatte man eine unheilbare Krankheit diagnostiziert und seine Eltern ihm den letzten Wunsch gewährt, der darin bestand, eine andere Kultur kennenzulernen? Aber wäre Miles dann so unbeschwert? Doch es würde seine Geheimnistuerei um den Grund der Reise erklären. Aber auch seine Unbeschwertheit, die – soweit Rupert es beurteilen konnte – weder gekünstelt wirkte noch als Ablenkungsmanöver gedacht war? Eigentlich würde Rupert aufgesetzte Fröhlichkeit doch erkennen, oder? Gott, er wusste sehr wenig über den Menschen, den er für seinen Freund hielt. Aber was wusste er überhaupt über die Menschen?

Vom Wechselkurs des Francs war ihm ebenfalls nichts bekannt. Der Page bedankte sich mit dem Lüpfen seiner Kappe und stopfte die Scheine eilig in die Jackentasche, als hätte er Angst, Miles könnte seine Großzügigkeit bereuen.

„Wie heißen Sie?“ Miles’ Frage klang weder aufdringlich noch anzüglich. Irgendwie gelang es ihm, immer den richtigen Ton zu treffen. Der Page fühlte sich geschmeichelt, das war ihm anzusehen. Ein wenig verlegen spielte er mit den Knöpfen seines Kragens, ohne dass es ihm bewusst war, da er zu Miles aufsah, der ihn um einen Kopf überragte.

„Delaroche, Monsieur. Julien Delaroche.“

„Victor“, stellte sich Miles seinerseits vor und streckte ihm die Hand hin, die der Page umgehend ergriff und herzlich schüttelte. „Hätten Sie Lust, für uns nach Feierabend ein wenig den Fremdenführer zu spielen? Natürlich nur, wenn es Ihnen passt. Ich würde mich sehr freuen – genau wie mein Bruder Rupert. Wir lassen uns nicht lumpen, Julien.“

Der Page nahm Rupert beiläufig aus den Augenwinkeln wahr, sah auf die Uhr und nickte dann. „D’accord. Ich habe in drei Stunden Dienstschluss. Ich warte hier auf Sie.“

 

 

 

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